Zwischen 127,52 Euro im Juli-Tief und jetzt rund 176,66 Euro liegen knapp 40 Prozent Kursgewinn. Für mich ist das die eigentliche Geschichte hinter den SAP-Zahlen der vergangenen Wochen – nicht die Frage, ob das Cloud-Geschäft wächst, sondern ob der Markt gerade übertreibt oder untertreibt. Und die Antwort fällt bei genauerem Hinsehen deutlich zweideutiger aus, als es der Kursverlauf suggeriert.
Die Zahlen sprechen für sich – aber nicht eindeutig für Euphorie
Die Quartalszahlen vom 23. Juli waren solide, keine Frage. Der Current Cloud Backlog kletterte um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro, der Cloud-Umsatz legte um 22 Prozent zu, die Cloud-ERP-Suite sogar um 25 Prozent. Das sind Werte, die Wachstumsfantasie rechtfertigen.
Gleichzeitig musste SAP den Non-IFRS-Betriebsergebnis-Ausblick für 2026 leicht nach unten korrigieren, auf 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro – Grund war ein Verwässerungseffekt von über 100 Millionen Euro aus den Übernahmen von Dremio und Prior Labs.
Kein Drama, aber ein Signal: Wachstum wird derzeit teuer erkauft. Und die Aussage des Konzerns, dass sich das Umsatzwachstum insgesamt erst 2027 beschleunigen soll, klingt für mich weniger nach Aufbruchstimmung als nach Geduldsappell an die Anleger.
Genau hier setzt die Skepsis der DZ Bank an. Analyst Armin Kremser stufte die Aktie am 10. August auf „Verkaufen“ zurück und senkte das Kursziel auf 120 Euro – mit der Begründung, anorganische Effekte hätten die operative Marge belastet. Das ist eine deutliche Abweichung vom Rest des Analystenfelds und verdient Beachtung, weil sie exakt den Punkt trifft, den auch die Guidance-Anpassung offenlegt: Die Übernahmen kosten mehr Marge, als der Wachstumsstory gut zu Gesicht steht.
Am selben Tag stufte Goldman Sachs die Aktie mit einem Kursziel von 215 Euro als Kauf ein. Analyst Mohammed Moawalla verwies auf die starke Produkt-Pipeline trotz gesamtwirtschaftlicher Unsicherheiten. Zwischen 120 und 215 Euro liegt eine Kurszielspanne, die kaum größer sein könnte – und das an ein und demselben Tag.
Für mich ist diese Divergenz das eigentliche Warnsignal: Wenn sich zwei etablierte Häuser bei derselben Datenlage um fast 100 Euro Kursziel unterscheiden, spricht das gegen eine klare Einschätzung der aktuellen Bewertung und für erhöhte Unsicherheit.
Rückkäufe und Regulatorik als stabilisierende Faktoren
Was die Bullen-These stützt: SAP kauft weiter kräftig eigene Aktien zurück. Allein zwischen dem 27. und 31. Juli erwarb der Konzern rund 2,18 Millionen Aktien über Xetra, ein Volumen von etwa 344,3 Millionen Euro. Das Gesamtprogramm hat ein Volumen von bis zu 10 Milliarden Euro und läuft bis Ende 2027 – ein struktureller Kurspuffer, der in volatilen Phasen wie dieser nicht zu unterschätzen ist.
Auch regulatorisch hat sich die Lage entspannt. Die EU-Kommission akzeptierte im Juli SAPs Verpflichtungsangebote zu Support-Dienstleistungen für On-Premises-ERP-Software, und das Bundeskartellamt schloss Ende Juli seine Vorermittlungen ab, ohne ein Missbrauchsverfahren einzuleiten.
Zwei Unsicherheitsfaktoren, die noch vor wenigen Monaten über der Aktie hingen, sind damit vom Tisch. Das erklärt einen Teil der Erholung seit dem Juli-Tief, das seinerseits Ausdruck einer überzogenen Verkaufswelle im ersten Quartal war, als eine „SaaS-Apocalypse“-Debatte und Sorgen um agentische KI und Lizenzmodelle die Aktie um rund 28 Prozent binnen Wochen drückten.
Mein Fazit: Die Erholung ist berechtigt, aber die Bewertung bleibt Glaubenssache
Mit einem RSI von 69,5 und einem Abstand von 20 Prozent zum 50-Tage-Durchschnitt ist die Aktie kurzfristig heiß gelaufen – technisch betrachtet dürfte eine Verschnaufpause nicht überraschen.
Fundamental überwiegen für mich die Argumente, die für ein solides, aber kein spektakuläres Geschäft sprechen: robustes Cloud-Wachstum, margenbelastende Zukäufe, ein aufgeräumtes regulatorisches Umfeld und ein Rückkaufprogramm als Sicherheitsnetz.
Die krasse Kurszielspanne zwischen DZ Bank und Goldman Sachs zeigt, dass selbst Profis derzeit keine gemeinsame Linie finden. Unterm Strich spricht das für mich weniger für eine neue Wachstumsstory als für eine Aktie, die sich von einer Überreaktion erholt hat – und jetzt an ihrer fairen Bewertung tastet.
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