SAP steht vor einer Zerreißprobe. Der Konzern feiert seine Vision vom „autonomen Unternehmen“ mit KI-Agenten, doch der Aktienkurs erzählt eine andere Geschichte. Morgen Abend, am 23. Juli 2026 um 22:05 Uhr MESZ, legt SAP die Zahlen zum zweiten Quartal vor. Diese Zahlen entscheiden, ob die Aktie einen Boden findet oder weiter abrutscht.

Ausgangslage: Ein Konzern im freien Fall

Die Bilanz der letzten zwölf Monate ist brutal. SAP hat 47,78 Prozent seines Werts verloren, allein seit Jahresbeginn steht ein Minus von 34,63 Prozent zu Buche. Bei 136,20 Euro notiert die Aktie nur noch knapp über ihrem 52-Wochen-Tief von 130,80 Euro.

Auf der Kundenkonferenz Sapphire im Mai präsentierte SAP seine neue „Business AI Platform“ und autonome KI-Agenten. Der Markt zweifelt trotzdem an der Umsetzungsgeschwindigkeit. Diese Skepsis drückt den Kurs weiter nach unten – gestern ging es erneut 1,92 Prozent bergab.

Die entscheidende Frage: Rettet der Datenschatz das Geschäftsmodell?

Im Zentrum der Debatte steht eine einzige Frage. Machen KI-Agenten SAPs teure Benutzeroberflächen überflüssig, oder sichert der Konzern seine Marktstellung gerade durch seinen „Business Context“ ab – die riesigen Finanz-, Logistik- und Personaldaten seiner Kunden?

Ohne diese Daten können KI-Modelle nicht präzise arbeiten. Das könnte SAPs eigentlicher Burggraben sein. Die Antwort darauf muss sich morgen in einer Kennzahl zeigen: dem Wachstum des Cloud-Auftragsbestands, der zuletzt währungsbereinigt um 25 Prozent zulegte.

Bullisches Szenario: Die Schere zwischen Kurs und Geschäft

Für eine Erholung spricht ein Widerspruch, der sich immer weiter auftut. Der Kurs stürzt ab, das operative Geschäft wächst zweistellig. Im ersten Quartal 2026 stieg der Cloud-Umsatz um 27 Prozent. Für das Gesamtjahr hält das Management an einem Ziel von bis zu 26,2 Milliarden Euro Cloud-Umsatz fest.

Ein weiterer Pluspunkt: Studien zufolge kletterte der durchschnittliche ROI von KI-Projekten im SAP-Umfeld zuletzt auf 21 Prozent. Die Marktkapitalisierung liegt bei 162,68 Milliarden Euro – deutlich unter Fair-Value-Schätzungen, die teils über 260 Euro rangieren. Sollte SAP morgen positiv überraschen, könnte das schnell zu einer Kursrally führen.

Bärisches Szenario: Die Governance-Lücke

Das größte Risiko liegt in der IT-Budgetverteilung. Unternehmen könnten ihre Ausgaben von Software auf Infrastruktur umschichten – KI-Chips und Speicher fressen aktuell einen wachsenden Teil der Budgets auf. Hinzu kommt eine strukturelle Hürde: Nur ein Bruchteil der SAP-Kunden verfügt bereits über die Datenstrukturen, um die neuen KI-Agenten wirklich effektiv zu nutzen.

Charttechnisch sieht es düster aus. Die Aktie notiert 22,31 Prozent unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 175,32 Euro – ein Zeichen für einen intakten, langfristigen Abwärtstrend. Fällt der Cloud-Auftragsbestand morgen unter die Marke von 20 Prozent Wachstum, droht der Rutsch unter das 52-Wochen-Tief. Charttechnisch würde das den Weg Richtung 100-Euro-Marke ebnen.

Ausblick: Die Nacht entscheidet

Die Richtung für den Rest des Jahres dürfte sich morgen Abend um 22:05 Uhr klären. Hält die Marke von 130,80 Euro per Wochenschlusskurs, spricht die fundamentale Unterbewertung für eine Bodenbildung. Kippt die Unterstützung dagegen – etwa durch einen enttäuschenden Margenausblick oder eine gesenkte Jahresprognose – dürfte sich der Abwärtstrend festigen.

Ein weiteres Detail verdient Aufmerksamkeit: Hinweise auf eine beschleunigte S/4HANA-Migration. Die Wartung für Altsysteme läuft 2027 aus. Dieser Zwangsumstieg gilt als das sicherste Fundament für SAPs Cloud-Ziele – unabhängig davon, wie die KI-Debatte ausgeht.