Ausgangslage
SAP hat am Montag ein neues Kapitel im laufenden Aktienrückkaufprogramm aufgeschlagen: Innerhalb einer Woche kaufte der Konzern 2,18 Millionen eigene Aktien zurück, eingebettet in ein Gesamtprogramm mit einem Volumen von bis zu 10 Milliarden Euro, das bis Ende 2027 läuft. Diese Nachricht trifft auf eine Aktie, die bereits eine bemerkenswerte Erholung hinter sich hat – am Freitag schloss das Papier bei 178,66 Euro. Der Rückkauf fällt in eine Phase, in der SAP operativ liefert: Die Quartalszahlen vom 23. Juli zeigten einen Anstieg des Current Cloud Backlog um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro, während die Clouderlöse um 22 Prozent zulegten und der Gewinn je Aktie von 1,45 auf 1,89 Euro stieg.
Parallel dazu hat SAP im Juli zwei Übernahmen abgeschlossen – Dremio, ein Anbieter einer Data-Lakehouse-Plattform, sowie Prior Labs. Beide sollen das Angebot im Bereich agentischer KI stärken, verwässern laut Unternehmensangaben aber den Ausblick 2026 für das Non-IFRS-Betriebsergebnis. Zusätzlich hat die Europäische Kommission Anfang Juli Verpflichtungszusagen von SAP zu Support-Dienstleistungen für On-Premise-ERP-Software für rechtsverbindlich erklärt. Das Verfahren endet ohne Bußgeld, die weltweit zehn Jahre gültigen Zusagen erweitern den Handlungsspielraum von SAP-Bestandskunden. Für Anleger verdichtet sich damit eine Gemengelage aus operativer Stärke, strategischer Expansion und regulatorischer Entlastung – genau der Stoff, der eine Neubewertung der Aktie rechtfertigen könnte, sofern die Wachstumsdynamik trägt.
Die entscheidende Frage
Im Zentrum steht, ob das kräftige Backlog-Wachstum von 27 Prozent robust genug ist, um den Verwässerungseffekt aus den Übernahmen von Dremio und Prior Labs auf die Margenguidance zu kompensieren. SAP hat den Ausblick für das Non-IFRS-Betriebsergebnis 2026 wegen der beiden Zukäufe bereits angepasst. Ob die Investitionen in agentische KI mittelfristig höhere Skalierung bringen oder zunächst nur Kosten verursachen, entscheidet darüber, ob die aktuelle Bewertung Bestand hat. Nach einem Kursplus von 29,31 Prozent in 30 Tagen ist die Messlatte für die kommenden Quartale entsprechend hoch.
Bullisches Szenario
Für optimistische Anleger spricht die Kombination aus Wachstumstempo und Kapitaldisziplin. Ein Cloud-Backlog von 22,9 Milliarden Euro signalisiert Visibilität auf künftige Umsätze, die sich unabhängig von kurzfristiger Konjunkturschwäche realisieren lassen. Das Aktienrückkaufprogramm mit einem Volumen von bis zu 10 Milliarden Euro flankiert diese Entwicklung und signalisiert Vertrauen des Managements in die eigene Bewertung. Ende Juli senkte Barclays sein Kursziel zwar von 255 auf 220 Euro, bestätigte aber die Einstufung „Overweight“. Auch Berenberg reduzierte sein Ziel auf 205 Euro, hielt jedoch an der Kaufempfehlung fest. Beide Kursziele liegen über dem aktuellen Kursniveau und deuten auf verbleibendes Aufwärtspotenzial hin, sollte sich das Wachstumstempo bei den Clouderlösen fortsetzen. Die rechtsverbindliche Einigung mit der EU-Kommission beseitigt zudem ein juristisches Risiko, das SAP-Kunden lange verunsicherte.
Bärisches Szenario
Die Risikoseite ist ebenso konkret. Der Relative-Stärke-Index von 74,9 signalisiert eine überkaufte Aktie – ein automatisiertes Warnsignal, das nach einer derart schnellen Rally regelmäßig Konsolidierungsphasen ankündigt. UBS bestätigte Ende Juli zwar die Kaufempfehlung, nannte aber mit 164 Euro ein deutlich konservativeres Kursziel als die Konkurrenz, was die Bewertungsdiskussion befeuert. Hinzu kommt strukturelle Unsicherheit: Die Integration von Dremio und Prior Labs belastet die Profitabilität, ohne dass der Konzern bislang beziffert hat, wann sich die Investitionen auszahlen. Auch regulatorisch bleibt Bewegung im Spiel – seit Anfang August unterliegt SAP Joule der Transparenzpflicht des EU AI Act, was zusätzlichen Compliance-Aufwand für KI-Assistenten-Dialoge bedeutet. Sollte das Q3-Update Wachstumsraten unterhalb der zuletzt gezeigten Dynamik ausweisen, dürfte die überkaufte technische Lage eine Korrektur begünstigen.
Ausblick
Solange das Cloud-Backlog seine zweistellige Wachstumsdynamik hält und der Rückkauf kontinuierlich Nachfrage erzeugt, bleibt das positive Szenario intakt – die aktuellen Kursziele von Barclays und Berenberg lassen dann noch Luft nach oben. Kippt hingegen die Margenentwicklung durch die Übernahmekosten stärker als erwartet, oder enttäuscht das Wachstumstempo im dritten Quartal, dürfte die überkaufte technische Verfassung eine deutlichere Gegenbewegung auslösen. Der nächste konkrete Prüfstein folgt am 21. Oktober, wenn SAP die Zahlen zum dritten Quartal 2026 vorlegt – der Konsens erwartet dabei einen Gewinn je Aktie von 1,83 Euro und einen Umsatz von 10,09 Milliarden Euro.
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