SAP plus 5,5 Prozent, Infineon minus 3,3 — der DAX spaltet sich auf

Broadcoms solide Quartalszahlen enttäuschen den Markt und lösen eine Sektor-Rotation im DAX aus. SAP und QIAGEN profitieren, während Infineon abgibt.

Hochtief Aktie
Kurz & knapp:
  • Broadcom verfehlt hohe KI-Erwartungen
  • Infineon verliert, SAP legt kräftig zu
  • Commerzbank schaltet BaFin im Übernahmestreit ein
  • EZB-Zinserhöhung rückt näher

Liebe Leserinnen und Leser,

143 Prozent KI-Umsatzwachstum, Quartalszahlen über Konsens — und trotzdem 14 Prozent Kursverlust vorbörslich. Broadcom hat am Donnerstag vorgeführt, was passiert, wenn ein Sektor Perfektion einpreist und nur Solidität geliefert bekommt. Die Folge war im DAX sofort ablesbar: Infineon verlor 3,35 Prozent, SAP legte 5,49 Prozent zu. Dieselbe Sitzung, dasselbe Umfeld, gegenläufige Signale. Wer am Mittwoch noch fragte, welche Einzelwerte sich vom Indexdruck entkoppeln — hier ist eine Antwort.

Broadcom: Wenn „Beat“ nicht mehr reicht

Die Quartalszahlen verdienen Kontext. Umsatz: 22,19 Milliarden Dollar, plus 48 Prozent. Bereinigter Gewinn je Aktie: 2,44 Dollar, über Konsens. KI-Halbleiterumsatz: 10,8 Milliarden Dollar, plus 143 Prozent. In einem normalen Bewertungsumfeld wären das Feiertagszahlen.

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Aber die Bewertung ist nicht normal. Die Q3-Prognose für KI-Chips lag bei 16 Milliarden Dollar — der Markt hatte 16,4 bis 17,2 Milliarden erwartet. CEO Hock Tan bestätigte das Langfristziel von über 100 Milliarden Dollar KI-Umsatz bis 2027, hob es aber nicht an. Das reichte für rund 14 Prozent Abschlag vorbörslich. Goldman Sachs erhöhte das Kursziel trotzdem von 500 auf 525 Dollar, Jefferies auf 550 Dollar — beide bei „Buy“. Die Analysten sehen weiter Aufwärtspotenzial. Der Markt wollte aber kein Potenzial, sondern eine Anhebung.

Die Sogwirkung auf den Halbleiterkomplex war breit: AMD verlor 5 Prozent, Micron über 5 Prozent. Infineon gab im DAX 3,35 Prozent ab — bei einer Performance von plus 124 Prozent seit Jahresanfang ein Rücksetzer, der sich relativiert, aber das Muster zeigt: Bei Bewertungen, die keine Enttäuschung tolerieren, wird jeder Ausblick ohne Anhebung zum Verkaufssignal.

SAP, Scout24, QIAGEN: Die Gegenbewegung im DAX

Während Chipwerte abgaben, schloss der DAX am Donnerstag bei 24.944,95 Punkten leicht im Plus und kratzte zwischenzeitlich an der 25.000er-Marke. Die Treiber: SAP mit plus 5,49 Prozent, QIAGEN mit plus 5,34 Prozent, Scout24 mit plus 4,5 Prozent nach einer Goldman-Sachs-Kaufempfehlung, Puma mit plus 6,8 Prozent nach einem Citigroup-Upgrade.

Das Rotationsmuster ist klar lesbar. Kapital fließt aus zyklischen KI-Profiteuren mit Hardware-Risiko in europäische Plattform- und Defensivwerte mit planbaren Cashflows. SAP profitiert von der KI-Adoption, ohne Chip-Zyklusrisiko zu tragen. QIAGEN liefert stabile Diagnostik-Erlöse. Für Trader, die am Mittwoch bei SAP minus fünf Prozent und Scout24 minus fünf Prozent gesehen haben: Die Erholung kam innerhalb von 24 Stunden — und sie kam selektiv, nicht breit.

Beachtenswert auch die Index-Umstellung zum 22. Juni: Hochtief steigt in den DAX auf, Porsche SE rückt in den MDAX ab. Hochtief hat sich binnen Jahresfrist verdreifacht und profitiert über die US-Tochter Turner vom KI-Infrastrukturboom — Rechenzentrumsbau statt Chipdesign, eine indirekte KI-Wette ohne Halbleiter-Bewertungsrisiko.

Commerzbank: Orlopp schaltet die BaFin ein

Der Übernahmestreit zwischen Commerzbank und UniCredit hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp hat die BaFin eingeschaltet, um UniCredits Angaben zur Andienungsquote prüfen zu lassen. UniCredit meldet 7,58 Prozent angediente Aktien und kommt nach eigener Rechnung auf 43,2 Prozent aggregierte Stimmrechtsposition — 26,77 Prozent direkt, plus Kaufoptionen über 3,22 Prozent und Cash-Settled Instruments von 13,19 Prozent, theoretisch bis zu 50,8 Prozent.

Orlopps Vorwurf: Nur 0,05 Prozent der Annahmen stammten von Privatanlegern. Der Rest komme von Nomura und anderen Banken, „die in vielen Fällen über Derivatkontrakte mit UniCredit verbunden sind“. Institutionelle hätten praktisch nicht angedient. Das Tauschangebot — 0,485 UniCredit-Aktien pro Commerzbank-Aktie — liegt deutlich unter dem Marktpreis von 36,67 Euro. Orlopp warnt vor massiver Wertvernichtung und verweist darauf, dass UniCredit für strukturelle Maßnahmen 75 Prozent bräuchte, mit 40 bis 50 Prozent aber blockiert wäre.

Die Annahmefrist läuft bis 16. Juni, verlängerbar bis 3. Juli. Die Commerzbank-Aktie notiert über dem Angebotswert. Der Markt preist entweder eine Nachbesserung oder ein Scheitern ein — beides spricht gegen vorzeitiges Andienen.

KNDS-Börsengang und Rheinmetall: Neue Benchmark für Rüstung

Der deutsch-französische Panzerbauer KNDS plant für 2026 einen Börsengang mit Doppelnotierung in Frankfurt und Paris. Die Eckdaten: Umsatz 2025 bei 4,4 Milliarden Euro, Auftragsbestand von 23,5 auf 33,1 Milliarden Euro gewachsen, Rekord-Auftragseingang von 13,5 Milliarden Euro. Deutschland soll 40 Prozent erwerben, später beide Staaten gemeinsam auf 30 Prozent reduzieren, aber Stimmrechte behalten.

Für Rheinmetall-Aktionäre ist das relevant. Die Aktie notiert bei 1.188 Euro, hat sich vom Mai-Tief bei 1.114 Euro nur leicht erholt und liegt weit unter dem Januar-Hoch von 1.931 Euro. Die Deutsche Bank hält an „Buy“ mit Kursziel 2.100 Euro fest. Aber KNDS wird einen Bewertungs-Benchmark setzen. Wenn der Markt KNDS mit einem niedrigeren KGV bepreist als Rheinmetall, gerät das Premium unter Druck. Gleichzeitig validiert ein IPO dieser Größenordnung den gesamten europäischen Rüstungssektor.

EZB am 11. Juni: Inflation zieht an, Zinserhöhung rückt näher

Die Eurozone-Inflation stieg im Mai auf 3,2 Prozent nach 3,0 Prozent im April. Die Kernrate kletterte von 2,2 auf 2,5 Prozent. Treiber: Energie mit plus 10,9 Prozent durch den Iran-Konflikt, Dienstleistungen bei 3,5 Prozent. EZB-Ratsmitglied Pierre Wunsch hält eine Zinserhöhung im Juni für wahrscheinlich, sollte der Konflikt anhalten. Der Markt sieht 75 Prozent Wahrscheinlichkeit für 25 Basispunkte bis Jahresende. Der Euro notiert deutlich über 1,16 Dollar.

Parallel hat die EU-Kommission die Haushaltsregeln gelockert: Bis 2028 dürfen Länder zusätzlich 0,3 Prozent des BIP jährlich für Energiewende-Maßnahmen ausgeben. Deutschland entging einem Defizitverfahren nur knapp — die Verteidigungsausgaben gaben den Ausschlag.

Was jetzt zählt

Der US-Arbeitsmarktbericht am Freitag ist der nächste Test — erwartet werden 85.000 neue Stellen bei einer Arbeitslosenquote von 4,3 Prozent. Die Erstanträge sprangen zuletzt auf 225.000. Am 11. Juni folgt die EZB-Sitzung, am 15. Juni der G7-Gipfel in Evian, am 16. Juni endet die Commerzbank-Annahmefrist.

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Die Botschaft des Donnerstags ist eindeutig: Die Phase, in der KI-Aktien mit soliden Zahlen allein steigen konnten, ist vorbei. Wer SAP, QIAGEN oder die Rüstungsstory hält, hat den Rotations-Rückenwind auf seiner Seite. Wer in Halbleitern positioniert ist, braucht ab jetzt nicht nur Beats, sondern Raises — und die Geduld, Quartale wie das von Broadcom auszuhalten, ohne bei minus 14 Prozent die Nerven zu verlieren.

Herzlichst, Ihr Andreas Sommer

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Als Finanzanalyst und Börsenjournalist beschäftige ich mich seit über vier Jahrzehnten intensiv mit den Finanzmärkten. Meine Spezialisierung liegt auf der Analyse wachstumsstarker Aktien und der Entwicklung von Anlagestrategien, die fundamentale Bewertung mit technischer Analyse kombinieren.

Ein zentraler Aspekt ist das Timing („Timing is Money“), denn Risikobegrenzung ist essenziell („Vermeiden ist besser als Verlieren!“). Mein Ziel ist es, Ihnen klare Orientierung in dynamischen Märkten zu bieten.

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