Zwei fehlende Todesfälle entscheiden über Milliarden an Börsenwert. Klingt makaber, ist aber die nüchterne Realität einer klinischen Studie, die gerade Anleger in Sellas Life Sciences treibt. Am 6. Juli 2026 schoss die Aktie zeitweise um 86 Prozent nach oben.

Am Ende des Handelstages stand ein Plus von deutlich über 50 Prozent. Die Aktie erreichte im Tagesverlauf ein 52-Wochen-Hoch von 15,88 Dollar. Zum Handelsschluss lag der Kurs bei 13,94 Dollar, im nachbörslichen Handel kletterte er nochmal auf etwa 14,24 Dollar. Die Marktkapitalisierung liegt aktuell bei rund 2,74 Milliarden Dollar.

Analyst sieht Verzögerung als gutes Zeichen

Auslöser der Rally war eine Kursziel-Bestätigung von Alliance-Global-Analyst Matthew Venezia. Er bekräftigte sein „Buy“-Rating mit einem Kursziel von 25 Dollar. Grundlage ist die laufende Phase-3-Studie REGAL, die den Wirkstoff Galinpepimut-S bei Patienten mit akuter myeloischer Leukämie in zweiter kompletter Remission testet.

Der Markt wartet auf zwei letzte Todesfälle, die für die finale Datenauswertung nötig sind. Venezia deutet die Verzögerung positiv: Sie könnte bedeuten, dass Studienteilnehmer länger überleben als erwartet. Diese Interpretation hat das Vertrauen der Anleger in die Wirksamkeit von GPS gestärkt.

Andere Analysten sind zurückhaltender. Jason McCarthy von Maxim Group bestätigte am 14. Mai 2026 ein „Buy“-Rating mit einem Kursziel von nur 10 Dollar. Sein Kollege James Molloy von Alliance Global Partners nannte tags zuvor dasselbe Kursziel. Zwischen den 10-Dollar-Zielen vom Mai und Venezias 25-Dollar-Marke liegt eine erhebliche Diskrepanz.

Vertex-Deal befeuert die ganze Branche

Der Kurssprung bei Sellas steht nicht isoliert da. Vertex Pharmaceuticals hatte kurz zuvor Crinetics für 10 Milliarden Dollar übernommen. Diese Übernahme löste eine Welle spekulativer Käufe bei spätphasigen Biopharma-Werten aus — Sellas profitierte direkt davon.

Anleger richten ihr Kapital derzeit stark auf potenzielle Übernahmekandidaten in der Branche aus. Das erklärt einen Teil der Kursbewegung, die über die reine Studienlage hinausgeht.

Fundamentaldaten mahnen zur Vorsicht

Die Zahlen hinter dem Kurs zeichnen ein anderes Bild. Sellas weist einen schwachen Fundamentalscore von 0,04 auf. Die Bilanz zeigt eine hohe Verschuldung: 95,43 Prozent der gesamten Verbindlichkeiten sind kurzfristig fällig. Die Kostenquote liegt bei 97,76 Prozent.

Auch die Anlegerstruktur zeigt eine Kluft. Privatanleger treiben den Kurs mit Zuflussraten zwischen 0,48 und 0,50, während institutionelle Investoren mit Werten von 0,44 bis 0,49 deutlich zurückhaltender bleiben. Der RSI signalisiert überkaufte Bedingungen nach der Rally. Mit einem Beta von 2,42 reagiert die Aktie extrem empfindlich auf Branchennews und Studienupdates.

Countdown zur Studienauswertung

Die REGAL-Studie benötigt insgesamt 80 dokumentierte Todesfälle, um die finale unverblindete Datenauswertung auszulösen. Zum 11. Mai 2026 waren 78 Ereignisse erreicht — die letzten beiden stehen also weiterhin aus.

Parallel arbeitet Sellas an einem zweiten Kandidaten: SLS009, ein CDK9-Hemmer für Bluterkrankungen. Neue Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten aus weiteren Patientenkohorten werden für den Sommer 2026 erwartet.

Die Entblindung der REGAL-Daten dürfte den nächsten großen Kurstreiber für Sellas markieren. Bis dahin bleibt die Aktie ein Spiel mit zwei fehlenden Ereignissen — und einer Bewertung, die zwischen 10 und 25 Dollar Kursziel weit auseinanderklafft.