Ein Kommentar

Wenn an einem einzigen Handelstag fast doppelt so viele Call-Optionen wechseln wie im Durchschnitt üblich, lohnt sich ein zweiter Blick. Am Freitag griffen Trader zu 79.890 Calls auf Sellas Life Sciences – rund 103 Prozent über dem üblichen Tagesvolumen. Die Aktie legte am selben Tag 13 Prozent zu. Für mich ist das mehr als eine Randnotiz: Es zeigt, dass der Markt gerade eine Wette auf einen konkreten Termin eingeht, nicht auf vage Zukunftsmusik.

Die eigentliche Geschichte heißt REGAL

Der Auslöser der jüngsten Rally ist die Meldung, dass die zulassungsrelevante Phase-3-Studie REGAL zu Galinpepimut-S bei akuter myeloischer Leukämie die vorgeschriebene Schwelle von 80 Ereignissen für die finale Wirksamkeitsanalyse erreicht hat. Das ist kein Nebensatz, sondern der Kern der Sache: Erst mit dieser Marke kann Sellas überhaupt die Auswertung starten, die über Erfolg oder Misserfolg des wichtigsten Studienprogramms entscheidet.

Verstärkt wurde die Euphorie durch positive Stimmung im gesamten Sektor, nachdem Moderna und Merck erfolgreiche Spätphasendaten für ihren individualisierten mRNA-Krebsimpfstoff gegen Melanome präsentiert hatten. Die Analysten von Maxim Group ordneten das öffentlich als „Sieg für Krebsimpfstoffe“ ein, der ähnliche therapeutische Ansätze validiere – eine Einschätzung, die sie ausdrücklich auf GPS von Sellas übertrugen.

Ich halte diese Verknüpfung für nachvollziehbar, aber nicht für risikofrei. Ein Erfolg bei Moderna und Merck im Melanom sagt nichts Zwingendes über die Wirksamkeit eines anderen Peptid-Impfstoffkonzepts bei Leukämie aus. Der Kurssprung speist sich also teils aus echtem klinischem Fortschritt, teils aus Sektor-Sentiment, das sich ebenso schnell wieder umkehren kann.

Bilanz mit Substanz, aber wachsendem Verlust

Wer nur auf die Kursgrafik schaut, übersieht die Zahlen, die vor rund zwei Wochen kamen und seither um 28,6 Prozent an Kursreaktion nachgetragen wurden: Der Nettoverlust im zweiten Quartal stieg auf 9,6 Millionen Dollar von 6,6 Millionen Dollar im Vorjahresquartal, getrieben von höheren Forschungsausgaben für REGAL und die Vorbereitung des Zulassungsantrags.

Zugleich verfügte Sellas zum 30. Juni über liquide Mittel von 138,3 Millionen Dollar, gestützt durch 82,9 Millionen Dollar aus der Ausübung von 48,8 Millionen Warrants im ersten Halbjahr.

Diese Kombination – steigende Kosten, aber komfortabler Kassenbestand – gibt dem Unternehmen Zeit, ohne kurzfristig auf neue Finanzierungsrunden angewiesen zu sein. Das ist aus meiner Sicht der unterschätzte Teil der Geschichte: Biotech-Rallyes wie diese scheitern oft nicht an der Wissenschaft, sondern am Geld, das vorher ausgeht.

Auf der Pipeline-Seite kommt mit SLS009 (Tambiciclib) ein zweiter Werttreiber hinzu. Alliance Global Partners bekräftigte mit Datum vom 12. August eine Kaufempfehlung und verwies auf das Potenzial, den Wirkstoff über AML hinaus in weitere Krebsindikationen auszuweiten.

Ergänzend berichtete Sellas von präklinischen Daten, wonach SLS009 als Einzelwirkstoff Aktivität gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs-Zellen zeigt, die gegen RAS-Inhibitoren resistent sind. In der laufenden Phase-2-Studie bei neu diagnostizierter AML sind bislang 28 von 80 geplanten Patienten eingeschlossen, Topline-Daten werden für das vierte Quartal 2026 erwartet.

Bewertung: teuer, aber nicht ohne Grund

Dass Simply Wall St dem Unternehmen einen Bewertungsscore von 0 von 6 gibt und ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von rund 19,7 gegenüber einem Branchendurchschnitt von 2,5 anmerkt, überrascht mich nicht. Solche Quant-Scores sind bei klinischen Biotech-Werten fast immer schlecht, weil sie Zukunftserwartungen nicht abbilden können.

Aussagekräftiger finde ich, dass Vanguard Capital Management laut einer Pflichtmitteilung eine passive Beteiligung von 5,19 Prozent hält – ein Signal, dass institutionelles Kapital hier bereits eine strukturelle Position aufgebaut hat, nicht nur kurzfristige Trader.

Unterm Strich sehe ich bei Sellas eine seltene Konstellation: ein nahender, klar terminierter Katalysator bei REGAL, eine zweite Wachstumsoption über SLS009, und eine Kassenlage, die kurzfristigen Druck nimmt. Das rechtfertigt für mich die hohe Bewertung eher, als dass es sie widerlegt.

Die Volatilität, die der stark erhöhte Optionshandel signalisiert, wird aber bleiben – wer hier investiert ist, sollte diese Schwankungsbreite als Preis für den Zugang zu einem echten Katalysator-Play akzeptieren, nicht als Anomalie.