Zwei fehlende Todesfälle in einer klinischen Studie halten derzeit eine ganze Aktienbewertung in der Schwebe. Bei Sellas Life Sciences hängt alles an der Zahl 80 — so viele Überlebensereignisse braucht die Phase-3-Studie REGAL, bevor die entscheidende Datenanalyse beginnen kann. Nach Unternehmensangaben aus Mai und Juni 2026 stehen aktuell 78 von 80 Ereignissen fest.
Am Freitag verlor die Aktie 4,64 Prozent und schloss bei 11,30 Euro. Die Kursschwankung reiht sich ein in eine extrem volatile Phase: Die annualisierte Volatilität liegt bei 127,10 Prozent. Auf Wochensicht steht ein Minus von 12,06 Prozent, auf Monatssicht dagegen ein Plus von 82,26 Prozent — ein Bild, das die Nervosität rund um den bevorstehenden Datenpunkt gut einfängt.
Die entscheidende Frage: Wirkung oder Zufall?
Warum dauert es so lange, bis die letzten beiden Ereignisse eintreten? Genau das bestimmt gerade den Aktienkurs. Der Markt preist aggressiv die Möglichkeit ein, dass die Verzögerung kein Zufall ist. Stattdessen könnte sie bedeuten, dass der Wirkstoff Galinpepimut-S (GPS) das mediane Gesamtüberleben deutlich über historische Vergleichswerte für AML-Patienten in zweiter kompletter Remission hebt.
Die Kehrseite: Dieselbe Verzögerung lässt sich auch als reines Artefakt des Studiendesigns lesen, ohne jede Aussagekraft über die tatsächliche Wirksamkeit.
Bullen-Szenario: Neue Standardtherapie in Reichweite
Befürworter der bullischen These sehen im längeren Zeitraum bis zum 80. Ereignis ein „zutiefst positives Signal“, wie es das Management selbst formuliert. Bestätigen die entblindeten Daten, dass GPS-Patienten länger überleben als die Vergleichsgruppe unter bester verfügbarer Behandlung, könnte Sellas die erste zugelassene Erhaltungstherapie für diese spezifische AML-Patientengruppe auf den Markt bringen.
Die Bilanz stützt dieses Szenario. Zum Ende des ersten Quartals 2026 verfügte das Unternehmen über 107,1 Millionen Dollar an Barmitteln. Im April und Mai kamen durch ausgeübte Warrants weitere rund 28,7 Millionen Dollar hinzu. Diese Liquidität dürfte reichen, um sowohl den Zulassungsprozess (BLA) als auch eine mögliche Markteinführung zu finanzieren, falls die Studie erfolgreich verläuft.
Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 15,33 Euro. Das entspräche einem Aufwärtspotenzial von 35,6 Prozent gegenüber dem Freitagsschluss.
Bären-Szenario: Der binäre Absturz
Die Gegenseite verweist auf die extreme Alles-oder-nichts-Natur ereignisgetriebener Studien. Verfehlt die Analyse nach Erreichen des 80. Ereignisses den primären Endpunkt beim Gesamtüberleben, drohen massive Kursverluste. Der Kursgewinn von 597,53 Prozent binnen zwölf Monaten wäre dann akut gefährdet.
Kritiker verweisen zudem auf den jüngsten Rückgang: Die Aktie notiert derzeit 25,90 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 15,25 Euro, erreicht am 30. Juni. Das könnte darauf hindeuten, dass erfahrene Investoren bereits vor der Entblindung Risiko aus ihren Positionen nehmen.
Sollte die Studie scheitern, bliebe Sellas auf sein frühphasiges Programm SLS009 angewiesen. Dieses hat gerade erst mit der Dosierung in einer Phase-2-Studie bei neu diagnostizierten AML-Patienten begonnen — ein deutlich unreiferer Wert als die weit fortgeschrittene REGAL-Studie.
Ausblick: Warten auf den 80. Fall
Kurzfristig dürfte die Aktie von heftigen Ausschlägen geprägt bleiben, solange die offizielle Bestätigung des 80. Ereignisses aussteht. Der mittelfristige technische Trend bleibt intakt, solange sich der Kurs über dem 50-Tage-Durchschnitt von 7,81 Euro hält — aktuell liegt er rund 45 Prozent darüber.
Ein endgültiges Top-Line-Ergebnis wird für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet, wahrscheinlich im späten dritten oder im vierten Quartal. Erfüllen die Daten die vorab festgelegten Wirksamkeitsschwellen, dürfte sich die Erzählung schnell auf eine BLA-Einreichung oder ein mögliches Übernahmeszenario verschieben. Bleibt der Überlebensvorteil aus, rückt SLS009 in den Fokus — hier werden erste Abschlussdaten ebenfalls für Ende 2026 erwartet.
Der nächste konkrete Wegpunkt bleibt simpel: eine Pflichtmitteilung oder Pressemeldung, die das 80. Überlebensereignis offiziell bestätigt. Erst danach beginnt die eigentliche Analyse — und erst dann zeigt sich, welches der beiden Szenarien zutrifft.
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