Die Software-Branche erlebt derzeit keine Erholung nach dem Gießkannenprinzip. Manche Anbieter kämpfen mit gedämpften Prognosen, andere ziehen spürbar davon. ServiceNow gehört klar zur zweiten Gruppe.

Gestern legte die Aktie um 2,13 Prozent zu und schloss bei 110,30 Euro. Das ist kein Ausrutscher nach oben, sondern Teil einer Serie: Über 30 Tage steht ein Plus von 12,83 Prozent, allein in der vergangenen Woche waren es 7,66 Prozent. Während Teile des Sektors mit gedämpften IT-Budgets und einem Engpass bei der KI-Infrastruktur hadern, wächst ServiceNow einfach weiter.

Warum ausgerechnet ServiceNow?

Die Antwort liegt weniger im Hype als in der Verankerung. Rund 85 Prozent der Fortune-500-Unternehmen nutzen die Workflow-Plattform des Konzerns bereits. Wer als Großkonzern digitale Prozesse bündeln will, greift lieber zu einer etablierten Plattform als zu einer Ansammlung von Einzellösungen. Genau das macht ServiceNow zu einer Art Grundausstattung für Unternehmens-IT, nicht zu einem optionalen Add-on.

Das ist der Punkt, an dem sich die aktuelle Marktlage von der breiten „alle Boote schwimmen mit“-Logik früherer Jahre unterscheidet. Analysten sprechen inzwischen von einer zunehmend selektiven Erholung im Softwaresektor. Wachstumswerte mit vagen Versprechen fallen durchs Raster. Plattformen mit nachweisbarem, breitem Einsatz nicht.

Die Infrastruktur-Bremse als Rückenwind

Der eigentlich interessante Twist an der Geschichte liegt in der physischen Welt, nicht im Code. Rechenzentrumskapazität wird knapp – in Nord-Virginia, einem der wichtigsten Hubs, liegt die Leerstandsquote inzwischen unter 1,4 Prozent. Lieferzeiten für Transformatoren und Turbinen reichen mittlerweile bis ans Ende des Jahrzehnts.

Für viele KI-Ambitionen ist das ein Problem. Für ServiceNow ist es eher eine Steilvorlage. Das Unternehmen verkauft keine neue Hardware, sondern eine Software-Schicht, die bestehende Infrastruktur effizienter macht. Wenn neue Rechenzentren Jahre auf sich warten lassen, wird Automatisierung der bestehenden Systeme plötzlich attraktiver als der nächste Bau. Diese Positionierung dürfte ein wesentlicher Grund für die starken Quartalszahlen und die positive Analystenstimmung der vergangenen Wochen sein.

Wie lange trägt die Rallye noch?

Bei einem Marktwert von 111,75 Milliarden Euro ist ServiceNow längst kein Nebenwert mehr, sondern ein Schwergewicht im Cloud-Sektor. Der schnelle Anstieg hinterlässt aber Spuren in den technischen Indikatoren. Der 14-Tage-RSI steht bei 67,8 – ein Wert, der sich der Schwelle nähert, ab der Aktien häufig als überkauft gelten.

Reicht das, um die Rallye auszubremsen? Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 59,12 Prozent zeigt, wie nervös der Markt auf jede neue Nachricht reagieren könnte. Trotzdem bleibt das Kursziel des Analystenkonsens bei 121,40 Euro stehen. Das entspricht einem Aufwärtspotenzial von rund 10 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs.

Die Botschaft dahinter ist eindeutig: ServiceNow gilt als einer der Profiteure des strukturellen Umbaus hin zu KI-gestütztem Unternehmensmanagement. Der Softwaresektor mag insgesamt selektiver geworden sein. ServiceNow steht bislang auf der richtigen Seite dieser Auswahl.