Die Analystenschätzungen für ServiceNow liegen weit auseinander, während der jüngste Ausblick eine Verlangsamung der kurzfristigen Vertragsdynamik erwarten lässt. Zugleich hat das Unternehmen seine KI-Vertragswertzielmarke angehoben. Welche Bewertung tragen diese unterschiedlichen Signale in den kommenden Quartalen, Andreas Sommer?

ServiceNow (US81762P1021) — Schlusskurse 04.05.2026 bis 30.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 30.10.2026.
Trading-Treff Redaktion: Ihr faires Niveau liegt praktisch beim Analysten-Konsens. Warum sollte Ihre positive Bewertung belastbarer sein als die Erwartungen, an denen ServiceNow gerade scheitert?
Andreas Sommer: Weil ich eine Stabilisierung des Vertragsgeschäfts voraussetze und daran meine Einschätzung überprüfbar mache. Bei 94 Euro sehe ich einen Bewertungsabschlag, der angesichts der tief verankerten Kundenbeziehungen interessant ist. Mein faires Niveau liegt bei rund 143 Euro – ausdrücklich unter der Voraussetzung, dass diese Kundenbeziehungen weiteres Geschäft tragen.
Die Nähe zum Analysten-Konsens liefert mir dafür keinen zusätzlichen Beleg. Entscheidend sind für mich die nächsten zwei bis vier Quartale. In diesem Zeitraum muss ServiceNow zeigen, dass aus der KI-Nutzung zusätzliche Verträge entstehen. Bis dahin bin ich vorsichtig zuversichtlich. Eine hübsche Zielmarke ersetzt diese Arbeit nicht.
Trading-Treff Redaktion: Welche belegte Substanz trägt diesen Bewertungsoptimismus, solange die wirtschaftliche Wirkung der KI-Angebote offenbleibt?
Andreas Sommer: Die Kundenbindung trägt meinen Bewertungsoptimismus. Wer unternehmensweite Arbeitsabläufe und bestehende Systeme über ServiceNow verbindet, kann die Plattform nur mit erheblichem Aufwand austauschen. Das gibt dem Geschäft eine Beständigkeit, die ich höher gewichte als neue Partnerschaftsmeldungen.
Mein Prüfstein sind die für das vierte Quartal 2026 erwarteten 18,5 Prozent cRPO-Wachstum, also das Wachstum der innerhalb eines Jahres umsatzwirksamen Leistungsverpflichtungen. Diese Erwartung muss den Ausgangspunkt einer Stabilisierung bilden.
Der nächste Ausblick auf dieses Vertragsgeschäft dürfte die Bewertung stärker bewegen als eine weitere KI-Ankündigung. Früh erkennbar wäre eine Verbesserung daran, dass die erwartete Vertragsdynamik nicht erneut nachlässt.
Trading-Treff Redaktion: „Die Kundenbindung trägt meinen Bewertungsoptimismus.“ Die angeführte Verlängerungsquote schließt Preisänderungen aus. Setzen Sie damit Kundenbeständigkeit mit Preismacht gleich?
Andreas Sommer: Die Einschränkung der Kennzahl stimmt. Daraus folgt allerdings nicht, dass mein Argument Preismacht voraussetzt. Die Verlängerungsquote von jeweils 98 Prozent in den Jahren 2023 bis 2025 belegt zunächst, wie selten Kunden vollständig abspringen. Wie viel sie zusätzlich bezahlen, muss ServiceNow gesondert beweisen.
Meine Einschätzung der Preismacht ist deshalb zurückhaltend. Die rückläufige Abonnementbruttomarge im zweiten Quartal 2026 passt dazu. Ich gebe den bestehenden Kundenbeziehungen einen hohen Wert, gewähre aber keinen Vorschuss für beliebige Preiserhöhungen. Genau diese Unterscheidung begrenzt meinen Optimismus.
Trading-Treff Redaktion: ServiceNow hat am 30. Oktober drei Sicherheitslücken offengelegt. Wie schwer wiegt das für das Vertrauen, auf das Sie Ihre Einschätzung stützen?
Andreas Sommer: Vertrauen lässt sich schnell verspielen. ServiceNow hat die Lücken nach eigenen Angaben behoben und keine Hinweise auf einen Missbrauch gefunden. Daraus leite ich keine Beschädigung der Kundenbeziehungen ab. Wiederholte Probleme mit spürbaren Folgen für Kunden würden meine Einschätzung allerdings treffen.
Trading-Treff Redaktion: Was müsste passieren, damit die auf 1,7 Milliarden Dollar angehobene KI-Vertragswertzielmarke Ihren Bewertungsoptimismus tatsächlich bestätigt?
Andreas Sommer: KI müsste erkennbar zusätzliches Geschäft bringen. Die Zielmarke allein verrät mir noch nicht, wie viel davon über ohnehin geplante Ausgaben der Kunden hinausgeht. Gerade dort sitzt die Unsicherheit.
Meine tragende Voraussetzung ist, dass ServiceNow seine Verankerung beim Kunden in zusätzliche Verträge übersetzen kann. Falls Kunden lediglich bisherige Ausgaben in neue KI-Angebote verschieben und die Vertragsdynamik weiter nachlässt, fällt diese Voraussetzung weg. Übrig bliebe ein beständiges Softwaregeschäft mit geringerem Wachstum. Dafür wäre meine heutige Bewertung zu großzügig.
Als nächster Auslöser zählt deshalb der kommende Vertragsausblick. Eine Stabilisierung dort, begleitet von der Umsetzung der erhöhten Free-Cashflow-Margenprognose für 2026, würde mich überzeugen. Die angekündigte kapitalarme KI-Umsetzung muss sich in den Zahlen wiederfinden.
Trading-Treff Redaktion: Sie verlangen, dass die für das vierte Quartal 2026 erwarteten 18,5 Prozent cRPO-Wachstum eine Stabilisierung einleiten. Rechtfertigt diese Voraussetzung Ihren Bewertungsoptimismus bereits, oder gewähren Sie dem Analysten-Konsens zu viel Vorschuss?
Andreas Sommer: Sie rechtfertigt einen vorsichtigen Bewertungsoptimismus. Die bestehenden Kundenbeziehungen wiegen für mich derzeit schwerer als die noch unbelegte zusätzliche Wirkung der KI-Angebote. Deshalb halte ich den Bewertungsabschlag für größer, als die bisher belegte geschäftliche Abschwächung rechtfertigt.
Für die nächsten zwei bis vier Quartale bleibt meine Einschätzung positiv. Ein erneut schwächerer Vertragsausblick würde mich zum Umdenken zwingen – auch bei einer nochmals höheren KI-Zielmarke.
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