Es gibt diese Momente, in denen ein Aktienkurs eine Geschichte erzählt, die mit den eigentlichen Nachrichten kaum etwas zu tun hat. ServiceNow ist gerade so ein Fall.
Während die Aktie binnen sieben Tagen 9,3 Prozent verloren hat, meldete sich Bill McDermott diese Woche bei der Goldman-Sachs-Konferenz Communacopia + Technology zu Wort und sprach über etwas, das die gesamte Softwarebranche gerade umtreibt: die Lücke zwischen dem Versprechen der agentischen KI und der Realität in den Unternehmen.
Das ist die eigentliche Frage, die sich Anleger derzeit stellen sollten: Ist ServiceNow der Vermittler dieser Lücke – oder steckt der Konzern selbst mittendrin?
Ein Auftritt ohne Zahlen, aber mit Substanz
Im Gespräch mit Goldman-Analystin Gabriela Borges lieferte McDermott keine neuen Umsatzziele oder Guidance-Updates. Das war auch nicht der Zweck des Auftritts. Stattdessen ging es um die grundsätzliche Frage, warum viele Unternehmen von KI-Agenten sprechen, sie aber selten produktiv im Alltag einsetzen.
Genau in dieser Lücke positioniert sich ServiceNow mit seiner Now-Assist-Plattform – nicht als Schlagwort, sondern als Werkzeug, das in bestehende Workflows eingebettet wird.
Wie ernst Partner das nehmen, zeigt sich im Ökosystem rund um die Plattform. Five9 hat mit „Five9 Fusion for ServiceNow“ eine Lösung vorgestellt, die Echtzeit-Transkription mit dem Now-Assist-Funktionsumfang verknüpft – AI Search, Case Summaries, empfohlene Aktionen. Die Partnerschaft zwischen beiden Unternehmen besteht bereits seit über acht Jahren, mehr als 200 gemeinsame Kunden nutzen sie.
Erst kürzlich wurde die Integration für das ServiceNow-Release „Australia“ zertifiziert, ohne dass Kunden Neuinstallationen oder API-Anpassungen vornehmen mussten. Das klingt nach Detailarbeit, ist aber genau das, was eine Plattform von einem Hype-Produkt unterscheidet: Sie muss im Betrieb funktionieren, nicht nur auf der Bühne überzeugen.
Auch im Gesundheitssektor tut sich etwas. Der Anbieter Parlance hat im ServiceNow Store eine Sprach-KI-Lösung für IT-Helpdesks gelauncht, die mit Cisco-Duo verifizierte Push-Identitätsprüfungen für Passwort-Resets kombiniert.
Ein scheinbar kleines Feature – doch Passwort-Resets machen laut Angaben aus der Branche zwischen 20 und 50 Prozent des gesamten IT-Helpdesk-Volumens aus, mit Kosten von 25 bis 70 US-Dollar pro Vorgang. Eine Direktorin bei Securitas USA sprach sogar von einem Anteil von rund 70 Prozent. Die Lösung läuft bereits bei einem Gesundheitskonzern mit vier Milliarden Dollar Umsatz im Westen der USA.
Der Markt sieht mehr Potenzial als der Kurs zeigt
Während solche Partnerschaften Substanz liefern, hat BTIG Research diese Woche mit einer deutlichen Ansage nachgelegt: Das Kursziel wurde von 150 auf 170 US-Dollar angehoben, das Rating bleibt „Buy“.
Nach den Berechnungen des Analysehauses entspricht das einem Aufwärtspotenzial von 20,30 Prozent zum Vortagesschluss. Basis dafür sind auch die jüngsten Quartalszahlen: Im zweiten Quartal verdiente ServiceNow 0,90 US-Dollar pro Aktie, mehr als die von Analysten erwarteten 0,86 Dollar.
Der Umsatz kletterte um 24 Prozent im Jahresvergleich auf knapp vier Milliarden Dollar – ebenfalls über den Erwartungen. Der Marktkonsens liegt mit einem Kursziel von 144,73 Dollar spürbar unter der BTIG-Einschätzung, das Rating dort lautet „Moderate Buy“.
Hierzulande notiert die Aktie aktuell bei 113,50 Euro, ein moderates Plus von 0,5 Prozent gegenüber dem gestrigen Schlusskurs von 112,95 Euro. Auf Monatssicht steht ein Zuwachs von 3,1 Prozent zu Buche – die Wochenschwäche wirkt damit eher wie eine Verschnaufpause nach einem stärkeren Lauf als wie ein Vertrauensverlust. Der RSI von 51,4 signalisiert zudem keine überkaufte oder überverkaufte Situation, sondern ein ausgeglichenes Bild.
Was bleibt, ist ein Unternehmen, das sich in einem Umfeld bewegt, in dem praktisch jeder Softwareanbieter behauptet, KI-Agenten im Griff zu haben. ServiceNow unterscheidet sich dabei weniger durch lautes Marketing als durch das leise Einweben von Partnerlösungen in bestehende Unternehmensprozesse.
Ob das reicht, um die Bewertungslücke zu schließen, die BTIG zwischen aktuellem Kurs und Kursziel sieht, wird sich an der operativen Umsetzung entscheiden – nicht an weiteren Konferenzauftritten.
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