ServiceNow-Aktien springen um 3,63 Prozent auf 96,56 Euro. Über die vergangene Woche summiert sich das Plus auf 7,91 Prozent, über 30 Tage auf 10,35 Prozent. Auslöser ist eine Zahl: Der jährliche Auftragswert aus KI-Geschäft hat die Marke von einer Milliarde Dollar überschritten und bewegt sich damit auf das Konzernziel von 1,5 Milliarden Dollar für 2026 zu.

Diese Zahl ist mehr als eine Randnotiz. Sie nährt die Erzählung, dass ServiceNow sein KI-Geschäft nicht nur ankündigt, sondern tatsächlich monetarisiert.

Die entscheidende Frage

Der Markt fragt sich, ob der KI-Auftragswert die 1,5-Milliarden-Marke für 2026 tatsächlich erreicht — oder sogar übertrifft. Eine Analyse formulierte es so: Das Ziel könnte sich als Boden erweisen, nicht als Decke. Von der Antwort hängt ab, ob die aktuelle Bewertung gerechtfertigt ist. Der Konsens-Kursziel liegt bei 123,31 Euro, ein Aufwärtspotenzial von 27,7 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.

Das bullische Szenario

Die Optimisten stützen sich auf bereits Erreichtes, nicht auf Versprechen. Im zweiten Quartal meldete ServiceNow 3,99 Milliarden Dollar Umsatz. Der bereinigte Gewinn je Aktie übertraf die Erwartungen der Wall Street, während das Abo-Geschäft um 24,5 Prozent auf 3,88 Milliarden Dollar zulegte.

Auch der Auftragsbestand liefert Rückenwind. Die kurzfristigen offenen Vertragsverpflichtungen stiegen um 21 Prozent auf 13,2 Milliarden Dollar. Der gesamte Auftragsbestand kletterte im gleichen Tempo auf fast 29 Milliarden Dollar.

Die operative Marge verbesserte sich parallel zum Wachstum auf 29,5 Prozent — 300 Basispunkte über der eigenen Prognose. Das Management reagierte mit einer angehobenen Prognose: Die Abo-Umsatzguidance für 2026 wanderte um 15 Millionen Dollar nach oben, auf rund 15,77 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Wachstum von 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Am langfristigen Ziel von 32 Milliarden Dollar Umsatz bis 2030 bei einer Wachstumsrate über 60 Prozent hält der Konzern fest.

Ein struktureller Hebel kommt hinzu: Im April stellte ServiceNow sein KI-Lizenzmodell um. Statt fester Pakete zahlen Kunden nun nach Verbrauch, gestaffelt in die Stufen Foundation, Advanced und Prime. Ist das Kontingent aufgebraucht, greifen automatisch Zusatzgebühren pro Nutzungseinheit — ein Mechanismus, der Umsatz mit steigender KI-Nutzung praktisch von selbst mitwachsen lässt. Analysten reagieren überwiegend positiv: Die Kaufempfehlungen bleiben bestehen, gestützt durch die Beobachtung, dass mittlerweile die Hälfte aller Neuabschlüsse nicht mehr über klassische Nutzerlizenzen läuft. Ausgaben für das KI-Tool Now Assist jenseits der Millionen-Dollar-Schwelle wuchsen um 130 Prozent.

Das bärische Risiko

Die Skeptiker bestreiten die Zahlen nicht. Sie zweifeln an deren Haltbarkeit und weisen auf operative Risiken beim Skalieren autonomer KI-Agenten hin. Das Kernproblem: Unternehmen, die autonome Agenten auf unzuverlässige Datenbestände loslassen, riskieren unkalkulierbare Folgekosten. Ein Beobachter brachte es auf den Punkt: Wer Prime-Tier-Agenten auf einen Datenbestand ansetzt, dem niemand vollständig vertraut, verwandelt eine planbare Vertragsverlängerung schnell in eine variable Kostenposition. Stockt die Implementierung bei Kunden, könnte der Umstieg auf höhere KI-Stufen — und damit das Auftragswachstum — hinter dem 2026er-Ziel zurückbleiben.

Nicht jedes Modell teilt den optimistischen Konsens. Eine unabhängige Bewertung senkte ihr Kursziel leicht von 85 auf 82,13 Dollar. Begründet wurde das mit einem niedrigeren erwarteten Kurs-Gewinn-Multiple und einem etwas höheren Diskontsatz — trotz leicht angehobener Annahmen zu Umsatzwachstum und Marge. Hinzu kommt scharfer Wettbewerb durch Microsoft, Oracle und Salesforce, während makroökonomische und geopolitische Unsicherheit die Preissetzungsmacht belasten könnte.

Ein weiterer Warnhinweis: Die annualisierte Volatilität liegt bei 62,49 Prozent über die vergangenen 30 Tage. Das signalisiert, dass aktuell auch Stimmungsschwankungen die großen Kursausschläge treiben — nicht nur fundamentale Entwicklungen.

Ausblick

Solange der KI-Auftragswert weiter Richtung 1,5-Milliarden-Marke wandert und die Verlängerungsraten der Kunden stabil bleiben, dürfte das bullische Lager die Stimmung dominieren. Das würde die Prämie der Aktie gegenüber dem breiteren Softwaresektor stützen. Erweist sich die Skalierung autonomer KI-Agenten in der Praxis als schwieriger als gedacht — etwa durch verzögerte Tier-Upgrades oder unerwartete Kostenausreißer bei Kunden —, könnte das Bewertungsrisiko wieder in den Vordergrund rücken. Der RSI von 57,7 liegt noch deutlich unter überkauften Extremwerten und lässt damit Raum für Bewegung in beide Richtungen.

Der nächste konkrete Prüfstein sind die kommenden Quartalszahlen. Dort dürfte sich zeigen, ob ServiceNow das 1,5-Milliarden-Ziel für 2026 bestätigt, anhebt — oder erste Anzeichen einer Verlangsamung liefert. Genau dieses Signal wird darüber entscheiden, ob die aktuelle Rally Richtung Konsens-Kursziel weiterläuft oder ins Stocken gerät.