ServiceNow liefert eine Kehrtwende, wie sie an der Börse selten zu beobachten ist. Nach starken Zahlen zum zweiten Quartal springt die Aktie auf 100,10 Euro, ein Plus von 3,20 Prozent allein am Mittwoch. Binnen einer Woche summiert sich der Anstieg auf 19,68 Prozent — nach einer Phase, in der die Aktie heftig unter Druck stand.
Der Auslöser: ServiceNow übertrifft die Gewinnerwartungen und hebt die Jahresprognose an. Der bereinigte Gewinn je Aktie liegt bei 0,90 US-Dollar, der Konsens hatte 0,86 US-Dollar erwartet. Die entscheidende Frage lautet nun, ob diese Erholung trägt oder nur eine kurze Verschnaufpause in einem längeren Abwärtstrend ist.
Die Kennzahl, die alles entscheidet
ServiceNows KI-Geschäft hat im vergangenen Quartal die Marke von einer Milliarde US-Dollar Annual Contract Value überschritten. Das neue Netto-Auftragsvolumen bei KI wuchs im Quartalsvergleich um über 40 Prozent. CEO Bill McDermott betont zudem, dass sich die sogenannten agentischen Einsätze von ServiceNow AI binnen nur neun Monaten verneunfacht haben.
Trotz dieser Dynamik bleibt die angehobene Umsatzprognose für das Gesamtjahr vergleichsweise zurückhaltend. Genau darin liegt der Kern der Debatte: Beschleunigt sich die KI-Monetarisierung schnell genug, um eine höhere Bewertung zu rechtfertigen? Oder signalisiert die moderate Anhebung, dass das Management vorsichtiger in die Zukunft blickt, als die Schlagzeilen vermuten lassen? Der RSI von 61,1 zeigt an, dass die Aktie sich der überkauften Zone nähert, ohne sie bereits erreicht zu haben — bei einer annualisierten Volatilität von rund 63 Prozent bleibt viel Spielraum in beide Richtungen.
Das bullische Szenario
Die Kernthese der Optimisten: ServiceNows KI-Geschäft hat eine Glaubwürdigkeitsschwelle überschritten. Die Milliarden-Marke bei den KI-Vertragsvolumina ist dabei nur ein Baustein. Das eigentliche Kernabo-Geschäft zeigt eine deutliche Reaccelerierung — das Umsatzwachstum im Subscription-Bereich springt von 19 Prozent auf 23 Prozent währungsbereinigt.
Das Management reagiert entsprechend und hebt die Jahresprognose bereits zum zweiten Mal 2026 an. Für das Gesamtjahr peilt ServiceNow nun ein Subscription-Umsatz zwischen 15,755 und 15,770 Milliarden US-Dollar an, was einem währungsbereinigten Wachstum von 21 Prozent entspricht. Hinzu kommt eine Kundenbindung, die mit einer Erneuerungsrate von 98 Prozent im zweiten Quartal weiterhin außergewöhnlich hoch bleibt.
Hält diese Kombination aus beschleunigten KI-Buchungen und robustem Kernwachstum an, wirkt das Analysten-Kursziel von durchschnittlich 123,16 Euro eher konservativ als überzogen. Das entspräche einem Aufwärtspotenzial von rund 23 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs.
Das bärische Szenario
Die Kehrseite: ServiceNows Aktie hat in den vergangenen Quartalen ein Muster brutaler Kursreaktionen nach Zahlenvorlagen entwickelt. Zwei aufeinanderfolgende zweistellige Kurseinbrüche prägten die jüngste Vergangenheit — minus 15,3 Prozent im ersten Quartal, minus 11,4 Prozent im vierten Quartal des Fiskaljahres 2025.
Besonders aufschlussreich: Im vorangegangenen Quartal erfüllte ServiceNow jede einzelne selbst gesetzte Prognose. Am folgenden Tag brach die Aktie dennoch um 17,75 Prozent ein — der schlimmste Handelstag in der Geschichte des Unternehmens als börsennotiertes Unternehmen. Ein Beweis dafür, dass reine Zahlentreffer allein die Anleger in diesem Jahr nicht überzeugt haben.
Hinzu kommen strukturelle Belastungen bei der Marge. Die zunehmenden Partnerschaften mit Hyperscalern sowie die beschleunigte KI-Adoption drücken kurzfristig auf die Bruttomarge. Auch die Diskrepanz zwischen GAAP- und bereinigten Kennzahlen fällt ins Gewicht: Der GAAP-Nettogewinn liegt bei 298 Millionen US-Dollar, während die bereinigte Kennzahl bei 930 Millionen US-Dollar steht — ein Unterschied, der höhere Betriebskosten und Akquisitionskosten widerspiegelt. Verlangsamt sich das Wachstum bei den KI-Buchungen, oder verschärft sich der Margendruck schneller als erwartet, könnte sich die aktuelle Rally als weiteres Strohfeuer in einem volatilen Handelsmuster erweisen.
Der Blick nach vorn
Solange das Wachstum beim KI-Auftragsvolumen über der im zweiten Quartal erreichten Marke von 40 Prozent im Quartalsvergleich bleibt und die Erneuerungsrate nahe 98 Prozent verharrt, bleibt der Weg zum Analysten-Kursziel von 123,16 Euro realistisch. Zeigen die Zahlen zum dritten Quartal jedoch eine Verlangsamung bei den KI-Buchungen oder eine stärker als erwartete Margenkompression durch die Hyperscaler-Partnerschaften, könnte sich die Erholung angesichts der Historie schneller Kursumkehrungen ebenso schnell wieder auflösen.
Der nächste konkrete Prüfstein steht bereits fest: Für das dritte Quartal hat das Management einen Subscription-Umsatz zwischen 3,975 und 3,980 Milliarden US-Dollar in Aussicht gestellt, ein währungsbereinigtes Wachstum von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. An dieser Marke werden Anleger ablesen können, ob die Reaccelerierung dieses Quartals der Beginn eines dauerhaften Trends war — oder nur ein einmaliger Ausreißer nach oben.
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