Die niedrigere Bewertung verlangt neue Belege

Für Anleger hängt eine tragfähige Erholung von ServiceNow davon ab, ob das KI-Geschäft künftig das Gesamtwachstum stärker antreibt. Das höhere Vertragsziel allein reicht dafür nicht. Morningstar hat nach den Quartalszahlen den geschätzten fairen Wert von 165 auf 100 US-Dollar gesenkt. Die Entscheidung lautet deshalb: Eröffnet die Neubewertung eine Chance, oder nimmt sie eine länger anhaltende Wachstumsabschwächung vorweg?

Der gestrige Kursverlust von -14% verdeutlicht, wie stark sich die Erwartungen verschoben haben. Für einen günstigeren Einstieg spricht die niedrigere Bewertung jedoch nur dann, wenn die operative Entwicklung die reduzierten Erwartungen mindestens erfüllt.

Die jüngsten Ergebnisse liefern dafür ein gemischtes Fundament. Im dritten Quartal erzielte ServiceNow 4,11 Milliarden US-Dollar Umsatz. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 1,00 US-Dollar und verfehlte die erwarteten 1,02 US-Dollar.

Entscheidender als diese überschaubare Gewinnabweichung ist der Blick nach vorn. Anleger müssen beurteilen, ob vorgezogene Vertragsverlängerungen den Ausblick lediglich verzerren oder ob die Dynamik tatsächlich nachlässt.

Das Vertragswachstum muss wieder überzeugen

Im Mittelpunkt steht das Wachstum der vertraglich gebundenen Erlöse, kurz cRPO. Für das vierte Quartal stellt ServiceNow einen Zuwachs von 18,5% in Aussicht. Gleichzeitig erwartet das Management beim Abonnementumsatz ein währungsbereinigtes Wachstum von 21,5%.

Diese unterschiedliche Dynamik ist für die Anlageentscheidung zentral. Ein weiterhin kräftiger Umsatzanstieg wäre weniger überzeugend, wenn die vertragliche Grundlage für künftige Erlöse dauerhaft langsamer wächst. Umgekehrt müsste eine schwächere Vertragskennzahl nicht auf eine entsprechende Verschlechterung der Nachfrage hindeuten, falls zeitliche Verschiebungen sie ausreichend erklären.

Nach Angaben des Finanzchefs entfiel etwa die Hälfte der positiven cRPO-Abweichung im dritten Quartal auf frühe Verlängerungen. Diese Verträge wurden damit aus dem Schlussquartal vorgezogen.

Die entscheidende Prüfung lautet daher nicht, ob ServiceNow weiter wächst. Sie lautet, ob die nächste Entwicklung der Vertragskennzahl die Erklärung des Managements stützt. Eine Stabilisierung würde das Argument zeitlicher Verschiebungen stärken. Weitere Schwäche würde Zweifel daran nähren.

KI-Verträge könnten den Umsatz stärker anschieben

Das positive Szenario beginnt mit dem erhöhten KI-Vertragsziel. ServiceNow hat den angestrebten annualisierten Vertragswert zum Jahresende von 1,5 auf 1,7 Milliarden US-Dollar angehoben. Für 2027 erwartet das Management einen stärkeren direkten KI-Umsatzbeitrag.

Damit gibt es einen konkreten Ansatzpunkt für eine spätere Wachstumsbeschleunigung. Entscheidend wäre, dass aus den höheren Vertragswerten tatsächlich zusätzliche Erlöse entstehen. Anleger sollten Vertragsabschluss und Umsatzrealisierung dabei nicht gleichsetzen.

Bei ausgewählten Großverträgen verbucht ServiceNow Implementierungsleistungen zunächst als Services. Bei einer Verlängerung sollen diese wieder zu Abonnementumsatz werden. Solche Verlängerungen werden für 2027 erwartet. Zudem stieg der durchschnittliche Wert neuer KI-bezogener Verträge zuletzt um 65%.

Das könnte erklären, weshalb die stärkere KI-Nachfrage bislang nicht vollständig im Abonnementwachstum sichtbar wird. Es ist allerdings ein möglicher zeitlicher Überleitungseffekt, kein bereits realisierter Wachstumsschub.

Zusätzliche Unterstützung könnte die gestern gemeldete vertiefte Zusammenarbeit mit OpenAI liefern. Ein Plugin soll die Interoperabilität erweitern; außerdem arbeiten beide Unternehmen an weiteren Sicherheitslösungen. Daraus lässt sich noch kein zusätzlicher Umsatz ableiten. Die Kooperation eröffnet aber einen weiteren Ansatz, KI-Anwendungen in kontrollierte Aktionen zu überführen.

Hohe Investitionen könnten die Erholung verzögern

Das negative Szenario wäre eine anhaltende Lücke zwischen KI-Vertragsdynamik und wirtschaftlichem Ertrag. Citi-Analyst Tyler Radke bemängelte fehlende positive Überraschungen. Den Ertragsbeitrag der Investitionen in das Forward-Deployed-Engineering-Team erwartet er wohl erst im nächsten Jahr deutlicher.

ServiceNow muss damit zunächst Ressourcen einsetzen, bevor daraus ein entsprechend sichtbarer Ergebnisbeitrag entsteht. Falls die Nachfrage schwächer ausfällt oder die Umsetzung länger dauert, könnte diese Vorleistung die Erholung verzögern.

Hinzu kommt der Kapitaleinsatz für Übernahmen. Akquisitionen kosteten im laufenden Jahr bislang 9,2 Milliarden US-Dollar. Seit Dezember stiegen die Schulden um rund 6 Milliarden US-Dollar, während liquide Mittel und Wertpapiere um rund 3 Milliarden US-Dollar zurückgingen.

Diese Entwicklung erhöht die Bedeutung operativer Fortschritte. Eine niedrigere Aktienbewertung allein beseitigt weder Integrationsrisiken noch die Unsicherheit über den Ertrag der Investitionen.

Auch Morningstars neue Bewertung ist kein eindeutiger Entwarnungsindikator. Der reduzierte faire Wert entspricht dem 22-Fachen des erwarteten bereinigten Gewinns beziehungsweise dem 56-Fachen des Gewinns nach GAAP. Welche Gewinnbasis Anleger zugrunde legen, verändert den Bewertungseindruck erheblich.

Der nächste Quartalsbericht wird zur Bewährungsprobe

Solange vorgezogene Verlängerungen die schwächere Vertragsprognose plausibel erklären und das KI-Geschäft zusätzliche Erlöse liefert, bleibt eine operative Erholung möglich. Kippt diese Erklärung durch erneut schwache Vertragsdaten, müsste die niedrigere Bewertung gegen dauerhaft geringere Wachstumserwartungen abgewogen werden.

Der nächste konkrete Prüfstein sind die Ergebnisse des vierten Quartals 2026. Dann lässt sich die tatsächliche Vertragsentwicklung mit der jetzigen Prognose vergleichen. Zugleich wird sichtbar, ob ServiceNow das erhöhte KI-Vertragsziel zum Jahresende erreicht.

Für eine belastbare Neubewertung müssten beide Seiten zusammenpassen: stabilere vertraglich gebundene Erlöse und ein nachvollziehbarer Übergang von KI-Verträgen zu Umsatz. Erst diese Verbindung würde zeigen, dass der höhere KI-Aufwand nicht nur das Leistungsangebot erweitert, sondern auch das Wachstum trägt.