Was macht man mit einer Aktie, die in derselben Woche 9,5 Prozent Momentum aufbaut und dann 3,56 Prozent davon wieder abgibt? Genau das ist die Lage bei ServiceNow. Der Grund liegt nicht im eigenen Geschäft, sondern bei einem Nachbarn in der Branche.
Der IBM-Effekt
Am 14. Juli meldete IBM vorläufige Zahlen, die den gesamten Sektor erschütterten. Die eigene Aktie brach um rund 25 Prozent ein. IBMs Management nannte den Grund offen: Kunden verschieben ihre IT-Budgets weg von Software und Beratung, hin zu Servern, Speicher und Arbeitsspeicher-Chips.
Diese Aussage traf die gesamte Software-Branche wie ein Warnschuss. ServiceNow verlor daraufhin am 16. Juli 4,9 Prozent an einem einzigen Tag. Die Sorge der Anleger: Wenn Unternehmen ihr KI-Budget in Hardware stecken, bleibt für Plattform-Software wie ServiceNow weniger übrig.
Aktuell notiert die Aktie bei 90,98 Euro. Der Sieben-Tage-Rückgang von 3,56 Prozent zeigt, wie direkt die IBM-Schockwelle durchgeschlagen ist – auch wenn ServiceNow selbst keine schlechten Nachrichten geliefert hat.
Die Gegenwehr: KI als Verteidigungslinie
ServiceNow reagiert nicht mit Zurückhaltung, sondern mit Ausbau. Anfang Juli kündigte das Unternehmen eine Reihe neuer KI-Integrationen an, mit Partnern wie Ciroos, Esri und Hitachi Digital Services. Besonders bemerkenswert: Ciroos wurde als erste KI-Plattform für Site Reliability Engineering im ServiceNow Store zertifiziert – ein Werkzeug, das komplexe IT-Betriebsabläufe automatisieren soll.
Das ist mehr als Produktpflege. Es ist die Wette, dass die Hardware-Welle nur die erste Phase ist. Sobald Server und Speicher installiert sind, braucht es eine Steuerungsebene, die all das orchestriert – genau dort will ServiceNow stehen. Analysten rechnen mit einem Umsatz von 23,6 Milliarden Dollar bis 2029, was ein jährliches Wachstum von etwa 19,1 Prozent voraussetzt. Konservativere Schätzungen liegen bei 23,4 Milliarden Dollar, die Grundthese bleibt aber dieselbe: Software als „Plattform der Plattformen“ wird gebraucht, sobald die Hardware steht.
Der 22. Juli als Stunde der Wahrheit
Der Markt reagiert derzeit mit bemerkenswerter Gelassenheit. Der 14-Tage-RSI liegt bei 49,8 – ein Wert, der weder Überkauft- noch Überverkauft-Signale sendet. Anleger warten offenbar auf einen klaren Auslöser, und der kommt am Mittwoch, den 22. Juli, wenn ServiceNow seine Quartalszahlen vorlegt.
Das Management hatte zuvor ein Abo-Umsatzwachstum zwischen 21 und 21,5 Prozent für das Quartal in Aussicht gestellt. Erreicht ServiceNow diese Marke, wäre das eine deutliche Antwort auf die These vom stockenden Software-Geschäft. Die annualisierte Volatilität von 56,35 Prozent deutet bereits jetzt darauf hin, dass die Zahlen für kräftige Kursbewegungen sorgen dürften.
Mit einer Marktkapitalisierung von 94,42 Milliarden Euro bleibt ServiceNow ein Schwergewicht im Enterprise-Cloud-Geschäft. Die Analystengemeinde bleibt trotz der Turbulenzen mehrheitlich optimistisch: Das aktuelle Kursziel von 123,08 Euro impliziert ein Aufwärtspotenzial von 35,3 Prozent gegenüber dem derzeitigen Niveau.
Die zentrale Frage der kommenden Wochen: Ist die Hardware-Rally nur eine zeitliche Verzerrung, oder verschieben Unternehmen ihre IT-Budgets dauerhaft? Kann ServiceNow am 22. Juli zeigen, dass Werkzeuge wie der kürzlich gestartete Control Tower Pilotprojekte tatsächlich in zahlende Abonnements verwandeln, dürfte der aktuelle Rücksetzer im Rückblick als kurze Episode in einem längeren Software-Aufwärtszyklus gelten.
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