Siemens hat am Donnerstag Zahlen vorgelegt, die auf den ersten Blick keine Wünsche offenlassen. Der Auftragseingang kletterte im dritten Geschäftsquartal 2026, das die Monate April bis Juni umfasst, auf einen Rekordwert von 27,9 Milliarden Euro – ein Plus von 13 Prozent nominal und 14 Prozent auf vergleichbarer Basis. Der Umsatz stieg um 7 Prozent auf 20,8 Milliarden Euro, das Verhältnis von Auftragseingang zu Umsatz (Book-to-Bill) erreichte 1,34. Der Markt reagierte trotzdem mit deutlichen Abgaben: Die Aktie schloss am Donnerstag bei 273,60 Euro, ein Minus von 4,32 Prozent gegenüber dem Vortag.
Starke Kennzahlen, hohe Erwartungen
Der Gewinn im Industriegeschäft legte um 25 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro zu, die Marge kletterte auf 17,3 Prozent. Unter dem Strich blieb ein Nettogewinn von 2,6 Milliarden Euro, ein Anstieg von 15 Prozent, das Ergebnis je Aktie lag bei 2,93 Euro. Der freie Mittelzufluss summierte sich auf 4,1 Milliarden Euro. Angesichts dieser Neunmonatszahlen hob Siemens die Prognose für das Ergebnis je Aktie vor Kaufpreisallokationseffekten für das laufende Geschäftsjahr an: Statt 10,70 bis 11,10 Euro erwartet der Konzern nun 11,20 bis 11,50 Euro.
Auch auf Segmentebene schraubte das Management die Ziele nach oben. Für die Sparte Smart Infrastructure rechnet Siemens nun mit einem vergleichbaren Umsatzwachstum von 10 bis 11 Prozent statt zuvor 8 bis 10 Prozent, die Margenerwartung wurde auf 18,5 bis 19,5 Prozent angehoben. Dass die Aktie trotz dieser Anhebungen nachgab, dürfte vor allem daran liegen, dass die Ergebnisse zwar über den bisherigen Zielen, aber wohl nicht ausreichend über den ohnehin hohen Erwartungen der Investoren lagen. Nach dem starken Lauf der vergangenen Monate war die Messlatte entsprechend hoch gelegt.
Healthineers-Trennung nimmt Fahrt auf
Parallel zu den Quartalszahlen berichtete Siemens über Fortschritte bei der geplanten Trennung von Siemens Healthineers. Vorstandsvorsitzender Roland Busch kündigte an, die Zahl der Aufsichtsratsmandate von Siemens-Vorstandsmitgliedern bei der Medizintechniktochter von drei auf eins zu reduzieren. Busch selbst und Finanzvorstand Veronika Bienert legen ihre Mandate nieder, wirksam zur nächsten Hauptversammlung von Siemens Healthineers im Februar 2027. Bereits im April hatte Siemens angekündigt, dass die Aktionäre über eine direkte Abspaltung der Healthineers-Aktien abstimmen sollen – die entsprechende Hauptversammlung ist ebenfalls für Februar 2027 terminiert. Siemens-Aktionäre würden die Healthineers-Anteile in diesem Fall direkt erhalten.
Bei Siemens Healthineers selbst läuft es operativ derzeit nicht rund. Im Mai senkte die Sparte ihre Umsatzwachstumsprognose für 2026 auf 4,5 bis 5 Prozent, nachdem zuvor 5 bis 6 Prozent in Aussicht gestellt worden waren. Grund war ein schwaches Diagnostikgeschäft in China, das intern als „Perfect Storm“ beschrieben wurde. Für den Spinoff-Zeitplan scheint dies bislang keine Konsequenzen zu haben, dürfte aber die Bewertung der Tochter beeinflussen, mit der Siemens-Aktionäre künftig direkt konfrontiert sind.
Kapitalrückführung und operative Milliardenaufträge
Siemens untermauerte die Wachstumsstory zuletzt auch abseits der Bilanz. Mitte Mai kündigte der Konzern ein neues Aktienrückkaufprogramm über bis zu 6 Milliarden Euro an, gestützt auf den Rekordauftragsbestand und den gestiegenen freien Mittelzufluss. Im operativen Geschäft sicherte sich Siemens Mobility im Juli einen Großauftrag der italienischen Italo Holding: 26 Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ Velaro Multi System, verbunden mit einem 30-jährigen Wartungsvertrag und einer Option auf 14 weitere Züge. Die Gesamtinvestition auf Kundenseite beläuft sich auf 3,6 Milliarden Euro. Ende April hatte bereits der Schweizer Bahnbetreiber SBB 116 Doppelstockzüge des Typs Desiro DoSto bestellt, mit Option auf bis zu 84 weitere Einheiten.
Zudem investiert Siemens 300 Millionen Euro in die Schaltanlagenfertigung im Rhein-Main-Gebiet, um bis 2030 rund 700 neue Arbeitsplätze zu schaffen – eine direkte Reaktion auf die weltweit steigende Nachfrage nach Schaltanlagen für Rechenzentren im Zuge des KI-Booms.
Kursbild nach dem Rutsch
Nach dem Kursrücksetzer notiert die Siemens-Aktie noch gut 6 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 291,25 Euro, das erst Anfang August erreicht wurde. Auf Jahressicht steht dennoch ein Plus von 14,45 Prozent zu Buche, über zwölf Monate summiert sich der Zuwachs auf 20,63 Prozent. Der jüngste Rücksetzer zeigt, wie anspruchsvoll die Erwartungshaltung des Marktes an den Konzern inzwischen geworden ist – selbst Rekordzahlen und eine angehobene Prognose reichen offenbar nicht mehr automatisch für steigende Kurse.
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