Im Sog des KI-Ausverkaufs wird Siemens derzeit wie ein Rechenzentrums-Wert gehandelt, obwohl darunter ein Konzern mit Rekord-Auftragsbestand, einer anstehenden Healthineers-Abspaltung und einem schwankenden Automatisierungsgeschäft steckt. Welche dieser Geschichten am 12. November bei den Jahreszahlen den Ausschlag gibt, besprechen wir mit Andreas Sommer, der seine Einschätzung bewusst auf die nächsten Quartale zuschneidet.

Siemens (DE0007236101) — Schlusskurse 11.05.2026 bis 06.11.2026, Angaben in EUR. Stand: 06.11.2026.

Siemens (DE0007236101) — Schlusskurse 11.05.2026 bis 06.11.2026, Angaben in EUR. Stand: 06.11.2026.

Trading-Treff Redaktion: Wie viel Erwartung steckt im Siemens-Kurs, und wie viel davon ist durch das Geschäft schon belegt?

Andreas Sommer: Mehr belegt, als die Stimmung vermuten lässt. Rechnet man die Sparten einzeln mit Vergleichsmultiples zusammen, landet man ungefähr bei der Börsenbewertung, eher knapp darunter. Der Markt zahlt also im Wesentlichen für das, was da ist.

Die Guidance vom August für das Geschäftsjahr 2026 liegt bei 11,20 bis 11,50 Euro Ergebnis je Aktie vor Kaufpreisallokation. Am Mittelwert gemessen sind das beim aktuellen Kurs gut 23 Gewinne. Für einen Industriekonzern ist das kein Discount. Man bezahlt eine ordentliche Prämie für Qualität, und die halte ich bei Siemens grundsätzlich für verdient.

Wer auf ein großes Missverständnis des Marktes hofft, findet hier allerdings keins. Die Rechnung hat auch eine Schlagseite, die man kennen sollte. Healthineers steckt voll in der Summe der Teile, obwohl rund ein Drittel davon anderen Aktionären gehört. Ehrlich gerechnet ist der Puffer also dünner, als die Zahl suggeriert.

Trading-Treff Redaktion: Der jüngste Rücksetzer kam aus dem breiten KI-Ausverkauf, einen Siemens-spezifischen Auslöser gab es nicht. Ist das nicht schlicht eine verbilligte Gelegenheit, die mit dem Unternehmen nichts zu tun hat?

Andreas Sommer: Dass der Ausverkauf mit Siemens nichts zu tun hat, müssten Sie mir erst einmal belegen. Siemens verkauft Stromversorgung, Speicheranbindung und Netztechnik für Rechenzentren und wirbt genau damit seit Monaten.

Wenn der Markt nun fürchtet, dass der Ausbau in den USA nach der Wahl langsamer läuft oder strenger reguliert wird, trifft das einen Teil von Smart Infrastructure direkt. Das ist kein fremdes Problem, das zufällig auf die Aktie abfärbt.

Siemens hat sich diese Sensibilität selbst ins Schaufenster gestellt. Ob die Sorge übertrieben ist, weiß heute niemand. Wer daraus aber ein Geschenk macht, unterstellt, dass die Nachfrage aus diesem Bereich sicher ist, und diese Sicherheit sehe ich in den Fakten nicht.

Trading-Treff Redaktion: Konkret zum Risiko: Wo kann Ihnen der 12. November am ehesten die These zerschießen?

Andreas Sommer: In der Fabrikautomatisierung. Die Elektrifizierung läuft, das bestreitet kaum jemand. Bei den Wettbewerbern im Automatisierungsgeschäft kamen zuletzt aber gemischte Signale, und genau dort ist meine Annahme am verwundbarsten.

Ohne Auftragsplus bei Digital Industries kippt meine These. Das ist der eine Datenpunkt, auf den ich am Mittwoch zuerst schaue, vor allen Margen. Die zweite Bedingung ist banaler: Das Ergebnis je Aktie muss mindestens in der Mitte der Spanne von 11,20 bis 11,50 Euro landen.

Ein Wert am unteren Rand würde für sich genommen niemanden erschrecken. Kombiniert mit schwachen Fabrikaufträgen würde er die Debatte über 2027 aber sofort in die falsche Richtung drehen, zumal es für das kommende Geschäftsjahr noch keine offizielle Prognose gibt. Dann hilft auch die schönste Rechenzentrumsgeschichte nichts.

Trading-Treff Redaktion: Sie sagen, ohne Auftragsplus bei Digital Industries kippt Ihre These. Siemens sitzt zum Ende des dritten Geschäftsquartals, also per Ende Juni, auf einem Rekord-Auftragsbestand von 132 Milliarden Euro. Überbewerten Sie da nicht eine einzelne Sparte?

Andreas Sommer: Der Bestand ist beeindruckend, und er gibt dem Umsatz der nächsten Jahre einen soliden Boden. Er sagt mir aber wenig darüber, wofür der Markt die Prämie zahlt. Ein großer Teil davon sind langlaufende Projekte in Bahn und Infrastruktur, die über Jahre abgearbeitet werden und eher solide als spektakuläre Margen bringen.

Die Bewertungsfantasie hängt an Software und Automatisierung, dort sitzen die Kundenbindung über das TIA-Portal und die Stärke bei Teamcenter. Wenn ausgerechnet dieser Teil stockt, trägt der Auftragsbestand den Kurs, aber nicht den Aufschlag.

Dasselbe gilt für die Healthineers-Abspaltung. Die Hauptversammlungen stimmen erst im Februar 2027 ab, die Namensänderung zieht sich über drei Jahre. Das schafft Klarheit in der Struktur. Ein Kurstreiber für das nächste halbe Jahr ist es für mich nicht.

Trading-Treff Redaktion: Was müsste passieren, damit Sie bei Siemens wirklich optimistisch werden?

Andreas Sommer: Die Fabrikkunden müssten wieder bestellen, nicht nur die Netzbetreiber. Solange nur die eine Hälfte des Konzerns läuft, zahle ich für die andere nicht im Voraus. Das klingt streng. Es ist aber der Teil, für den man bei Siemens den höheren Preis bezahlt.

Trading-Treff Redaktion: Sie haben zwei Bedingungen gesetzt: ein Ergebnis je Aktie mindestens in der Mitte der Spanne von 11,20 bis 11,50 Euro und ein Auftragsplus bei Digital Industries. Wenn am 12. November beides kommt, gehen Sie dann mit dem Analysten-Konsens mit, oder bleiben Sie darunter?

Andreas Sommer: Dann bleibe ich knapp darunter, und zwar mit Absicht. Mein faires Niveau für die nächsten zwölf Monate liegt bei rund 305 Euro, der Analysten-Konsens im Median bei 315. Den Abstand halte ich für die ehrliche Antwort auf die geschönte Teilsumme und die Abhängigkeit vom Rechenzentrumsthema.

Der Weg dorthin ist für mich keine Frage der Zeit, sondern eine Frage dieses einen Termins. Liefert Digital Industries, ist der Abstand zum heutigen Kurs gut begründet und der Rest Geduld. Liefert die Sparte nicht, ist der Kurs schon fair, vielleicht großzügig. Diese Asymmetrie wird am Mittwoch entschieden, nicht an der Wall Street.