Siemens steht vor einem entscheidenden Tag: Für morgen, Donnerstag, erwartet der Markt die Zahlen zum dritten Quartal 2026. Der Aktienkurs notiert aktuell bei 285,45 Euro und gibt am heutigen Mittwoch 1,09 Prozent nach. Zum 52-Wochen-Hoch von 291,25 Euro, aufgestellt erst am heutigen Tag, fehlen dem Papier nur noch 1,99 Prozent. Die Ausgangslage vor der Berichtssaison ist damit angespannt: Anleger haben die Latte hoch gelegt.
Konsens erwartet zweistelliges Umsatzwachstum
Der Analysten-Konsens rechnet für das dritte Quartal 2026 mit einem Umsatz von 20,62 Milliarden Euro, ein Plus von 6,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Beim Ergebnis je Aktie liegt die Erwartung bei 2,58 Euro. Rückenwind für diese Prognosen liefert die Entwicklung aus dem Februar: Damals hob Siemens die Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr 2025/26 an und stellte ein Ergebnis je Aktie vor Kaufpreisallokation zwischen 10,70 und 11,10 Euro in Aussicht, nach zuvor 10,40 bis 11,00 Euro. Als Treiber nannte das Unternehmen damals die starke Dynamik im Bereich industrielle Künstliche Intelligenz.
Ein Blick auf das Umfeld liefert zusätzliche Hinweise auf die Branchenlage: Die frühere Siemens-Tochter Siemens Energy meldete für das dritte Quartal 2026 einen Umsatz von 11,4 Milliarden Euro und ein Ergebnis je Aktie von 1,28 Euro, womit die Markterwartungen übertroffen wurden. Besonders bemerkenswert: Die Windkraftsparte Gamesa erreichte erstmals seit 2022 wieder die Quartalsprofitabilität. Für Siemens AG selbst ist das kein direkter Beleg, wohl aber ein Signal, dass sich das Industrieumfeld in Teilen stabilisiert – ein Aspekt, den Investoren bei der Einordnung der eigenen Siemens-Zahlen im Blick haben dürften.
Morningstar sieht deutliche Bewertungslücke
Kurz vor der Zahlenveröffentlichung meldete sich Morningstar-Analyst Matthew Donen zu Wort. Er bestätigte am Montag seine Fair-Value-Schätzung für Siemens bei 240,00 Euro – ein Niveau, das rund 45 Euro unter dem aktuellen Kurs liegt. Donen richtet sein Augenmerk auf zwei Fragen: Wie nachhaltig ist die Erholung im Bereich Digital Industries, und wie tragfähig bleibt die Nachfrage nach Rechenzentrumsinfrastruktur. Beide Themenfelder gelten als zentrale Wachstumstreiber für den Konzern und werden voraussichtlich auch bei der morgigen Berichterstattung im Mittelpunkt stehen.
Die Diskrepanz zwischen Kurs und Fair-Value-Schätzung wirft die Frage auf, wie viel positive Überraschung der Markt für die kommenden Zahlen bereits eingepreist hat. Der Kurs bewegt sich derzeit deutlich über seinem 50-Tage-Durchschnitt und hat sich seit Jahresbeginn kräftig verteuert. Für die Reaktion auf die Zahlen morgen dürfte daher weniger das reine Erreichen der Konsensschätzungen entscheidend sein, sondern der Ausblick auf das restliche Geschäftsjahr sowie belastbare Aussagen zur Nachhaltigkeit der KI- und Digitalisierungsnachfrage.
Ergänzend bleibt festzuhalten, dass Siemens sein Portfolio in den vergangenen Jahren erheblich umgebaut hat – etwa durch den Verkauf der Antriebssparte Innomotics an den Finanzinvestor KPS Capital Partners für einen Unternehmenswert von 3,5 Milliarden Euro. Solche strukturellen Weichenstellungen fließen in die langfristige Bewertung des Konzerns ein und dürften auch bei der Einordnung der morgigen Quartalszahlen eine Rolle spielen.
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