Vor einem Jahr war Siemens Energy noch das Sorgenkind des DAX. Heute notiert die Aktie bei 170,66 Euro — ein Plus von 95 Prozent in zwölf Monaten. Was steckt dahinter? Mehr als nur eine Erholung.
Die Logik der Entflechtung
Der eigentliche Treiber dieser Woche ist ein Bericht über eine mögliche Abspaltung der Sparte „Transformation of Industry“ (ToI). Jefferies-Analyst Lucas Ferhani wertet diesen Schritt als strategischen Geniestreich. Die Idee dahinter ist bestechend einfach: Ohne die breit gefächerten Industrieanwendungen würde Siemens Energy zum reinen Energiewende-Konzern. Ein „Pure Play“ auf Gasturbinen und Netztechnologie.
Das Potenzial in diesen Bereichen ist ungleich größer als in der Breite des Industriegeschäfts. Eine schlankere Struktur könnte operative Effizienzen heben — und den Weg für höhere Ausschüttungen ebnen. Jefferies nennt ein Kursziel von 215 Euro. Das entspricht einem Aufschlag von rund 26 Prozent auf den aktuellen Kurs.
Das Rückgrat der Energiewende
Abseits der Strukturdebatte liefert das operative Geschäft starke Argumente. Der heute bekanntgegebene Auftrag für den „North Sea Connector 2″ ist mehr als ein Buchungseintrag. Gemeinsam mit Partnern baut Siemens Energy eine 2-GW-Offshore-Netzanbindung für 50Hertz. Bemerkenswert: 95 Prozent der Wertschöpfung entsteht in deutschen Werken — in Nürnberg und Berlin.
Wer sich fragt, ob die Marktkapitalisierung von rund 144 Milliarden Euro gerechtfertigt ist, sollte einen Blick auf den Investitionsbedarf werfen. Allein in Deutschland schätzen Experten den Bedarf für Übertragungsnetze bis 2045 auf bis zu 392 Milliarden Euro. Siemens Energy ist kein Maschinenbauer mehr. Das Unternehmen ist Systemintegrator für eine Infrastruktur, ohne die die Energiewende nicht funktioniert.
Globale Ambitionen
Der Konzern sichert sich auch außerhalb Europas Wachstumsmärkte. Eine aktuelle Delegationsreise in die Türkei ist kein Zufall. Die Türkei plant bis 2035 Investitionen von rund 108 Milliarden Euro in erneuerbare Energien und Netzinfrastruktur. Wer dort früh präsent ist, hat einen strukturellen Vorteil gegenüber der Konkurrenz.
Technisch präsentiert sich die Aktie robust. Der RSI liegt bei 56,8 — neutral bis konstruktiv. Der Kurs notiert 23 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt. Das 52-Wochen-Hoch von 195,54 Euro, erreicht im April, liegt noch 12,7 Prozent entfernt. Seit Jahresanfang beträgt das Plus knapp 39 Prozent.
Ein neues Narrativ
Siemens Energy hat die Phase der Selbstreinigung hinter sich gelassen. Die Probleme der Windtochter Gamesa treten in der Marktwahrnehmung zurück. Was nach vorne rückt, ist die Vision eines fokussierten Energie-Konzerns — mit klarer Positionierung in den profitabelsten Segmenten der globalen Energiewende.
Sollte die ToI-Abspaltung tatsächlich kommen, stünde die Aktie vor einer Neubewertung. Das Narrativ des „Krisenkonzerns“ wäre dann Geschichte. Am 215-Euro-Kursziel von Jefferies gemessen, hat die Aktie noch Luft — aber nur, wenn der Konzern liefert, was er verspricht.
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