Die aktuelle Stärke von Siemens Energy könnte zugleich den Keim für das nächste zyklische Risiko legen. Auf diesen ungewöhnlichen Zusammenhang verweist Bernstein Research. Die Analysten um Varun Govindaraj bestätigten am Freitag ihre Einstufung mit „Outperform“ und bekräftigten ein Kursziel von 210 Euro. Grundlage ist eine Befragung von 50 Führungskräften aus dem Einkaufsbereich von Rechenzentren.
Kurzfristig zeichnet die Untersuchung ein äußerst robustes Bild. KI-Anwendungen und Cloud-Dienste treiben den Ausbau digitaler Infrastruktur voran, während Rechenzentren immer mehr Strom benötigen und zugleich auf leistungsfähige Kühlung angewiesen sind. Davon profitieren Anbieter von Energieversorgungs- und Kühltechnik wie Siemens Energy.
Das Geschäft ist vergleichsweise gut abgesichert
Zusätzlichen Schutz bieten die Vertragsstrukturen. Selbst wenn sich der Bau einzelner Rechenzentren verzögert, können Betreiber bereits bestellte Technik teilweise nicht ohne Weiteres stornieren. Strikte Abnahme- und Stornierungsklauseln sorgen dafür, dass Hersteller auch bei Projektverschiebungen zunächst auf ihren Aufträgen sitzen bleiben.
Bernstein sieht darin allerdings nicht ausschließlich einen Vorteil. Die harten Verpflichtungen könnten dazu führen, dass ein Teil der Nachfrage zeitlich vorgezogen wird. Kunden bestellen große Mengen an Strom- und Kühltechnik frühzeitig, um Lieferengpässe zu vermeiden oder vertragliche Verpflichtungen zu erfüllen. Die heutigen Auftragsbücher könnten dadurch stärker ausfallen, als es die langfristige Nachfrage allein rechtfertigen würde. Für Bernstein bleibt damit trotz des langfristigen Zyklikrisikos das Szenario einer weiteren starken Wachstumsphase vorerst maßgeblich.
Sobald der Investitionsboom rund um KI und Rechenzentren nachlässt, droht deshalb ein umso deutlicherer Rückgang. Betreiber könnten dann bereits ausreichend Technik beschafft haben oder sogar auf überschüssigen Beständen sitzen. Der mögliche Abschwung wäre damit nicht verhindert, sondern lediglich nach hinten verschoben.
Noch dominiert jedoch klar die positive Seite der Entwicklung. Siemens Energy meldete zuletzt einen Rekord-Auftragseingang von 17,9 Milliarden Euro. Im dritten Quartal erreichte der Umsatz 11,447 Milliarden Euro, während der Gewinn bei 1,083 Milliarden Euro lag. Gleichzeitig erzielte Siemens Gamesa erstmals seit dem vierten Quartal 2022 wieder ein positives Ergebnis vor Sondereffekten.
Die aktuelle Investmentstory stützt sich damit auf mehr als die Hoffnung auf den KI-Boom. Der Rechenzentrumsausbau trifft auf eine sichtbar verbesserte operative Entwicklung innerhalb des Konzerns. Die eigentliche Frage für Anleger liegt daher weniger in den kommenden Monaten als weiter voraus: Wie viel der heutigen Nachfrage ist tatsächlich nachhaltig. Zudem kommt die Frage auf: Wie viel wird bereits aus der Zukunft vorgezogen?
Am Freitag zeigte sich zunächst der Optimismus. Siemens Energy gewann 0,51 % und schloss bei 153,36 Euro. Die neue Woche wird daher extrem spannend. Siemens Energy hat noch Probleme!
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