Die Erleichterung schien im Münchener Konzern bereits greifbar. Nach den tiefen operativen Krisen der vergangenen Jahre arbeitet sich die Windkrafttochter Siemens Gamesa Schritt für Schritt an die Gewinnschwelle heran.
Doch die jüngsten Warnungen von Siemens-Energy-Chef Christian Bruch zeigen deutlich: Der Windenergiesektor bleibt ein Minenfeld politischer und regulatorischer Unsicherheiten. Wer geglaubt hatte, mit dem operativen Aufräumen seien die größten Risiken gebannt, muss umdenken. Für mich markiert die aktuelle Gemengelage den Beginn einer neuen Bewährungsprobe.
Im Zentrum steht die deutsche Offshore-Windenergie. Nach Einschätzung des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO) stehen derzeit Projekte mit einem Gesamtvolumen von 50 Milliarden Euro auf der Kippe. Gestiegene Baukosten, hohe Finanzierungszinsen und eine erodierte Wirtschaftlichkeit belasten die Betreiber schwer.
Konzerne wie TotalEnergies wollen Lizenzen zurückgeben, BP prüft das weitere Vorgehen. Dass die Bundesregierung mit der Anfang September beschlossenen WindSeeG-Novelle bislang keine praxistaugliche Regelung für Lizenzrückgaben geschaffen hat und die Bundesnetzagentur Zuschläge frühestens im Herbst 2027 widerrufen könnte, grenzt an wirtschaftspolitische Realitätsverweigerung.
Bruch spricht die harte Wahrheit gelassen aus
Bruchs Mahnung, festgefahrene Projekte rasch wieder in Gang zu bringen, ist vor diesem Hintergrund völlig berechtigt. Fabriken warten auf feste Aufträge, Zulieferer schieben dringend benötigte Investitionsentscheidungen auf die lange Bank. Vor deutschen Küsten speisen zwar aktuell Anlagen mit 10,8 Gigawatt Leistung Strom ein, doch die ambitionierten Ausbauziele drohen an der Schnittstelle von Markt und Regulierung zu zerschellen.
Für Siemens Energy steht dabei viel auf dem Spiel. Milliardenschwere Turbinen- und Serviceaufträge sind die Lebensader für die geplante Konsolidierung von Siemens Gamesa. Bleiben die finalen Investitionsentscheidungen der Betreiber aus, verpufft der Turnaround in der Warteschleife.
Dass Bruch hier öffentlich den Finger in die Wunde legt, ist deshalb kein Jammern, sondern unternehmerische Pflicht. Der Vorstandsvorsitzende weiß genau, dass die Zeit drängt, wenn die Kapazitäten in den Werken effizient ausgelastet bleiben sollen.
Operative Substanz federt politische Risiken ab
Trotz der berechtigten Sorgen um das regulatorische Umfeld in Deutschland wäre es meines Erachtens verfehlt, das gesamte Geschäftsmodell wieder infrage zu stellen. Denn abseits der Berliner Gesetzgebung beweist Siemens Gamesa im Tagesgeschäft zunehmend Stabilität. Ein Beleg dafür ist die jüngst geschlossene Vereinbarung mit Fred. Olsen Windcarrier.
Der feste Zehnjahresvertrag für Offshore-Wartungsdienste, der im ersten Quartal 2028 anlaufen soll, sichert den Einsatz moderner Errichterschiffe für Turbinen bis einschließlich 15 Megawatt Leistung ab. Solche langfristigen Kontrakte untermauern, dass das Service- und Wartungsgeschäft die verlässliche Ertragsbasis bildet, die das Unternehmen so dringend benötigt.
Gleichzeitig emanzipiert sich der Konzern auch personell immer weiter. Mit dem Ausscheiden des letzten Vertreters der ehemaligen Muttergesellschaft Siemens aus dem Aufsichtsrat und dem Einzug von Pekka Lundmark gewinnt das Kontrollgremium wertvolle industrie- und technologiepolitische Expertise hinzu. Diese Neuausrichtung schärft das eigene Profil eines eigenständigen Energietechnologie-Schwergewichts.
Was das für Anleger bedeutet
Am Markt spiegelt sich diese Gemengelage in einer vorsichtigen, aber konstruktiven Haltung wider. Am heutigen Freitag notiert die Aktie von Siemens Energy bei 146,50 Euro, was einem Tagesgewinn von 2,1 Prozent entspricht. Zwar trennt das Papier noch ein Abstand von 25 Prozent von seinem 52-Wochen-Hoch bei 195,38 Euro, doch der längerfristige Aufwärtstrend ist intakt.
Unterm Strich überwiegen für mich die Chancen die politischen Risiken. Die Hängepartie um das WindSeeG und die zögernden Projektierer in der Nordsee sind ein handfester Bremsklotz, der den Margenpfad von Siemens Gamesa zeitlich strecken könnte.
Doch die operative Substanz, untermauert durch langfristige Wartungsaufträge und die nahende Gewinnschwelle im Windgeschäft, steht auf deutlich stabileren Beinen als in früheren Krisenzyklen.
Christian Bruchs Weckruf an die Politik dürfte Gehör finden müssen, wenn der Industriestandort seine Energieziele nicht vollends verspielen will. Für Anleger bleibt die Aktie eine spannende Wette auf die globale Energieinfrastruktur – allerdings eine, die weiterhin starke Nerven für politische Störfeuer verlangt.
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