Ausgangslage

Siemens hat mit den Zahlen zum dritten Geschäftsquartal Anfang August eine Bestmarke nach der anderen gesetzt: Der Auftragseingang kletterte auf ein Rekordniveau von 27,9 Milliarden Euro, der Auftragsbestand erreichte mit 132 Milliarden Euro ebenfalls einen historischen Höchstwert.

Die Konzernführung erhöhte daraufhin die Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr auf 11,20 bis 11,50 Euro je Aktie vor Kaufpreisallokationseffekten.

Parallel dazu kündigte Finanzvorständin Veronika Bienert an, dass die steuerlichen Fragen rund um die geplante Abspaltung von Siemens Healthineers mit den Finanzbehörden verbindlich geklärt seien. Die Aktionäre beider Unternehmen sollen dazu 2027 auf ihren Hauptversammlungen abstimmen.

Diese Kombination – operative Bestwerte auf der einen, eine bevorstehende Konzernumstrukturierung auf der anderen Seite – bringt Anleger in eine ungewöhnliche Lage. Der Kurs notiert bei 288,80 Euro und damit nur knapp unter dem 52-Wochen-Hoch von 291,55 Euro.

Die Frage lautet nicht mehr, ob das operative Geschäft trägt, sondern ob der Markt die geplante Aufspaltung bereits vollständig einpreist, während die eigentliche Entscheidung der Aktionäre noch fast anderthalb Jahre entfernt liegt.

Die entscheidende Frage

Der zentrale Faktor für die kommenden Monate ist, ob sich das operative Momentum der Industriesparten hält, bis die Healthineers-Abspaltung tatsächlich vollzogen wird. Smart Infrastructure hob seine Umsatz- und Margenprognose für das laufende Geschäftsjahr an – auf 10 bis 11 Prozent Wachstum bei einer Marge von 18,5 bis 19,5 Prozent.

Digital Industries und Mobility bestätigten ihre Ziele unverändert. Entscheidend ist, ob dieses Tempo anhält, denn die Aufspaltung selbst bringt keinen zusätzlichen operativen Wert – sie verteilt nur die bestehende Substanz neu auf zwei Aktien. Bleibt das Industriegeschäft schwach, während der Markt schon auf die Healthineers-Story wartet, verliert die Story an Kraft.

Bullisches Szenario

Für Optimisten spricht die Breite der Rekordwerte: Eine Book-to-Bill-Ratio von 1,34 signalisiert, dass Siemens schneller Aufträge gewinnt, als es abarbeitet – ein Frühindikator für anhaltendes Wachstum.

Der Free Cashflow legte im dritten Quartal um 42 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro zu, was der Konzernführung Spielraum für Investitionen und Rückkäufe lässt. Hinzu kommt der Auftrag von Siemens Mobility für Italo Holding über 3 Milliarden Euro für 26 Hochgeschwindigkeitszüge, ergänzt durch einen 30-jährigen Wartungsvertrag mit Instandhaltung in Dortmund – ein Beleg dafür, dass auch das margenschwächere Mobility-Segment strukturell abgesichert wird.

Berenberg erhöhte am 18. August das Kursziel von 320 auf 330 Euro und bestätigte die Kaufempfehlung. Sollte sich das Auftragsmomentum bis zur Hauptversammlung 2027 fortsetzen, könnte die Healthineers-Abspaltung als Katalysator für eine Neubewertung beider Teilkonzerne wirken.

Bärisches Risiko

Das Gegenargument ist ebenso ernst zu nehmen: Der Kurs liegt nur 4,5 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt von 276,47 Euro, aber bereits 15 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 252,14 Euro – ein Hinweis darauf, dass ein erheblicher Teil der guten Nachrichten bereits eingepreist ist.

Eine annualisierte Volatilität von 25 Prozent zeigt, dass Rückschläge jederzeit möglich sind. Zudem bleibt die Abspaltung ein mehrstufiger Prozess: Die steuerliche Klärung ist ein wichtiger Baustein, aber noch keine vollzogene Transaktion.

Konzernchef Roland Busch kündigte an, seine und Bienerts Aufsichtsratsmandate bei Healthineers niederzulegen und die Vertretung von Siemens im Aufsichtsrat von drei auf ein Mandat zu reduzieren – ein Schritt, der die Unabhängigkeit beider Unternehmen vorbereitet, aber auch zeigt, wie viel organisatorische Arbeit noch vor der eigentlichen Abstimmung 2027 liegt.

Verzögert sich der Zeitplan oder schwächelt das Industriegeschäft konjunkturbedingt, könnte die aktuelle Bewertung schnell als zu optimistisch erscheinen.

Ausblick

Solange die Auftragslage in Smart Infrastructure und Digital Industries robust bleibt und die Book-to-Bill-Ratio über 1 verharrt, bietet die operative Substanz einen Puffer, selbst wenn der Aktienkurs Rückschläge erleidet. Kippt jedoch das Auftragsmomentum, oder verzögert sich der Zeitplan für die Healthineers-Abstimmung über 2027 hinaus, dürfte der Markt die Bewertung neu justieren müssen.

Der nächste konkrete Prüfstein für Anleger ist die Hauptversammlung im kommenden Jahr, auf der die Aktionäre beider Unternehmen über die Trennung entscheiden sollen – bis dahin bleibt die Frage offen, ob Rekordzahlen und Zerschlagungsstory dauerhaft zusammenpassen oder sich gegenseitig die Aufmerksamkeit stehlen.