Silber kostet aktuell 68,13 USD pro Unze — und liegt damit fast 44 Prozent unter dem Januarhoch von 121,78 USD. Wer nur auf den Kurs schaut, sieht einen angeschlagenen Rohstoff. Wer auf die Fundamentaldaten schaut, sieht ein anderes Bild.

Angebot und Nachfrage klaffen auseinander

2026 steuert der Silbermarkt auf das sechste Defizitjahr in Folge zu. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage liegt Prognosen zufolge bei 46 bis 70 Millionen Unzen. Seit 2021 summiert sich das kumulative Defizit auf über 860 Millionen Unzen.

Der Grund: Die Nachfrage wächst schneller als das Angebot reagieren kann. Rund 60 Prozent des weltweiten Verbrauchs entfallen auf industrielle Anwendungen — etwa 650 Millionen Unzen pro Jahr. Allein der Solarsektor beansprucht davon rund 194 Millionen Unzen.

Warum das Angebot kaum mithalten kann

Etwa 70 Prozent der Silberproduktion fallen als Nebenprodukt beim Abbau von Kupfer, Blei oder Zink an. Minen können die Förderung also nicht einfach hochfahren, wenn der Silberpreis steigt. Das macht den Markt strukturell unflexibel.

Hinzu kommt neuer Bedarf aus der Technologiebranche. Der Ausbau von KI-Datenzentren treibt den Verbrauch spezialisierter Elektronik — Silber ist wegen seiner Leitfähigkeit kaum ersetzbar. Neue Solarzellen-Konzepte, etwa eine spanische Entwicklung, die auch bei Regen Strom erzeugt, deuten auf weiteren Bedarf hin.

EZB-Zinserhöhung als neuer Faktor

Die EZB hat den Einlagenzins um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent angehoben — die erste Erhöhung seit drei Jahren. Das bewegt die Rentenmärkte. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sank zeitweise auf 2,96 Prozent.

Für Silber ist das relevant, weil das Metall eng mit Gold korreliert. Gold erholte sich nach einem Tief bei rund 4.070 USD auf etwa 4.218 USD — eine Stabilisierung, die auch Silber stützt.

Was Analysten erwarten

Der Konsens liegt für Silber bei 70 bis 90 USD pro Unze. Bullishe Szenarien sehen Potenzial jenseits der 100-Dollar-Marke — vorausgesetzt, die industrielle Nachfrage übersteigt das Angebot weiter so deutlich wie bisher.

Charttechnisch gilt 70 USD als nächste psychologische Schwelle. Der 50-Tage-Durchschnitt liegt bei 75,82 USD, der aktuelle Kurs rund zehn Prozent darunter. Konjunkturdaten in der kommenden Woche dürften zeigen, ob weitere EZB-Zinsschritte wahrscheinlich werden — und damit, ob Silber seinen Rückstand aufholen kann.