Der Silberpreis hat mit 68,20 US-Dollar je Feinunze den höchsten Stand seit zwei Monaten erreicht. Auslöser war die Ankündigung des US-Finanzministeriums am Mittwoch, die Rückkäufe langfristiger Staatsanleihen zu verdoppeln, um die Renditen zu drücken. Die Aussicht auf sinkende Zinsen macht zinslose Anlagen wie Silber für Anleger wieder attraktiver.
Der Ausschlag markiert eine deutliche Erholung nach einer schwächeren Phase. Noch am Dienstag war der Preis auf 64,97 Dollar gefallen, ein Minus von 1,25 Prozent gegenüber dem Vortag. Seit Jahresbeginn stand zu diesem Zeitpunkt ein Rückgang von 8,61 Prozent zu Buche. Die Bewegung der vergangenen Handelstage zeigt, wie stark der Silbermarkt derzeit auf geldpolitische Signale reagiert.
Strukturelle Angebotsknappheit bleibt bestehen
Hinter der kurzfristigen Volatilität steht ein grundlegenderes Problem: Das physische Angebot deckt die Nachfrage seit Jahren nicht. Das Silver Institute rechnet für 2026 mit dem sechsten Defizitjahr in Folge, diesmal mit einem geschätzten Fehlbetrag von rund 67 Millionen Unzen. Über den Zeitraum von 2021 bis 2026 nähert sich das kumulierte Defizit der Marke von einer Milliarde Unzen.
Verschärft wird die Lage durch Exportbeschränkungen, die China seit Januar 2026 für Silber verhängt hat. Zugleich meldet das Land für Juni 2026 einen Importanstieg um 62,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 219.000 Tonnen – getrieben vor allem durch den Bedarf der Solarindustrie und den Ausbau der Stromnetze. China kauft also mehr ein, während es gleichzeitig den Export drosselt, eine Kombination, die den globalen Markt zusätzlich unter Druck setzt.
Industrie treibt die Nachfrage
Rund die Hälfte der weltweiten Silbernachfrage entfällt inzwischen auf industrielle Anwendungen, allen voran Elektronik mit einem Anteil von 34 Prozent, dazu Solarmodule und Medizintechnik.
Das Silver Institute erwartet, dass dieser industrielle Bedarf bis 2030 auf mehr als 700 Millionen Unzen jährlich steigt. Diese strukturelle Nachfragekomponente unterscheidet Silber von reinen Krisenwährungen wie Gold, da sie unabhängig von der Zinspolitik wächst.
Die Lagerbestände an der COMEX geben einen Hinweis auf die physische Verfügbarkeit: In den zugelassenen Lagerhäusern liegen aktuell 337,3 Millionen Feinunzen, davon sind nur 99,5 Millionen Unzen tatsächlich für die Lieferung registriert, der Rest gilt lediglich als „eligible“. Diese Aufteilung zeigt, dass ein Großteil des gelagerten Metalls nicht ohne Weiteres für Lieferverpflichtungen zur Verfügung steht.
Banken sehen Preisdruck im weiteren Jahresverlauf
J.P. Morgan hatte am 13. August seine Silberprognose für 2026 nach unten revidiert. Das Analysehaus rechnet nun mit einem Jahresdurchschnitt von 70 Dollar je Unze, nachdem im Mai noch 84 Dollar veranschlagt worden waren. Für das vierte Quartal nennt J.P. Morgan ein Ziel von 63 Dollar, für 2027 ebenfalls 63 Dollar. Als Gründe führten die Analysten eine Entspannung der physischen Marktengpässe sowie erwartete Zinserhöhungen an.
Diese Einschätzung datiert vor der jüngsten Treasury-Ankündigung und spiegelt damit nicht die aktuelle Marktreaktion wider. Der Widerspruch zwischen einer erwarteten Entspannung und der fortbestehenden strukturellen Knappheit dürfte den Silberpreis in den kommenden Wochen weiter zwischen geldpolitischen Impulsen und fundamentalen Angebotsdaten hin- und herbewegen. Nach dem Allzeithoch von 121,64 Dollar Ende Januar bleibt der Markt damit in einer Phase erhöhter Schwankungsbreite.
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