Testflug der Starship-Rakete verschiebt sich, und an der Börse tobt ein offener Streit über den fairen Wert des Unternehmens. Während Morgan Stanley ein Kursziel von 300 US-Dollar ausgibt, hält der bekannte Kritiker Gary Black die Aktie erst unter 100 US-Dollar für kaufwürdig.

Starship-Verschiebung belastet, Verwirrung um das Startdatum

Am 16. Juli musste SpaceX den Start von Starship Flight 13 in letzter Sekunde abbrechen, weil mehrere Raptor-3-Triebwerke nicht zündeten. Der Fehlstart soll nach Berichten rund 100 Milliarden US-Dollar an Marktwert gekostet haben. Offiziell nennt SpaceX nun den 23. Juli als neuen Starttermin, Elon Musk selbst hatte zunächst den 24. Juli genannt, bevor die Angaben korrigiert wurden. Die Mission soll 20 Starlink-V3-Satelliten auf eine suborbitale Flugbahn bringen, um das Ausklinksystem und Laserverbindungen zu testen – ein Bindeglied auf dem Weg zu orbitalen Starlink-Starts, die SpaceX bis Ende 2026 anpeilt. Auf der Wettplattform Polymarket kletterte die Wahrscheinlichkeit für einen Start am 23. Juli nach der Ankündigung von 23 auf 55 Prozent, für einen Start bis Ende Juli liegt sie bei 89 Prozent. Mehr als 440.000 US-Dollar wurden bereits gesetzt.

Die Ratingagentur Evercore ISI bewertet die Aktie trotz der Verzögerung mit „Outperform“ und einem Kursziel von 230 US-Dollar. Belastend kam zusätzlich ein breiterer Ausverkauf bei KI-nahen Technologiewerten hinzu: Der südkoreanische Kospi verlor rund 4,9 Prozent, Samsung und SK Hynix gaben deutlich nach, und ein neues chinesisches KI-Modell verunsicherte die Anleger zusätzlich.

Analystenlager gespalten wie selten zuvor

Bei kaum einem anderen Börsenneuling driften die Einschätzungen derzeit so weit auseinander. Morgan-Stanley-Analyst Adam Jonas begründet sein Basisszenario von 300 US-Dollar mit einem erwarteten Umsatzsprung von 18,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf 319 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030 und 3,3 Billionen US-Dollar im Jahr 2040 – getrieben von der geplanten KI-Satellitenkonstellation Starmind. Jonas veranschlagt den adressierbaren Markt von SpaceX auf 28,5 Billionen US-Dollar, von denen 26,5 Billionen auf KI-Anwendungen entfallen sollen. Sein Bull-Case liegt bei 600 US-Dollar, der Bear-Case bei 75 US-Dollar. Citi sieht auf Sicht von zwölf bis 18 Monaten ein Ziel von 200 US-Dollar, im optimistischen Szenario sogar 900 US-Dollar.

Auf der anderen Seite steht Gary Black vom Future Fund. Er verweist darauf, dass eine Marktkapitalisierung von rund 1,7 Billionen US-Dollar einem Vielfachen von etwa dem 40-Fachen des erwarteten Umsatzes entspricht – ein Bewertungsniveau, das es bei einem Billionen-Unternehmen seiner Aussage nach historisch noch nicht gegeben habe. Zum Vergleich zieht er Nvidia heran, das mit einem Vorwärtsmultiplikator von 10 bis 25 gehandelt werde. Black will erst unterhalb von 100 US-Dollar wieder einsteigen und verweist auf die ersten Quartalszahlen, die für Anfang August erwartet werden, als nächsten möglichen Auslöser für weitere Kursbewegungen.

ARK Invest baut Position aus, Lockup-Fristen rücken näher

Cathie Woods ARK Invest zeigt sich von der Skepsis unbeeindruckt und stockte die SpaceX-Position am 20. Juli um rund 57 Millionen US-Dollar auf – finanziert unter anderem durch den Verkauf von AMD-Anteilen im Volumen von 39 Millionen US-Dollar. Bereits am 17. Juli hatte der Vermögensverwalter 147.805 SpaceX-Aktien für 19,4 Millionen US-Dollar erworben. Nach Angaben mehrerer Analysten stimmen aktuell rund drei Viertel der Analysten für die Aktie mit einer Kaufempfehlung.

Ein zentrales Thema bleibt der Lockup-Kalender: Am 11. August werden 20 Prozent der gesperrten Aktien handelbar, am 24. September und 25. Oktober jeweils weitere 14 Prozent, am 7. November nochmals 28 Prozent. In Kombination mit den anstehenden ersten Quartalszahlen dürfte diese Angebotswelle die Volatilität in den kommenden Wochen hochhalten.

Charttechnisch nahe am Jahrestief

Der aktuelle Kurs von 109,72 Euro liegt nur noch 2,22 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 107,34 Euro, das erst am 17. Juli markiert wurde – nach einem zuletzt moderaten Plus von 1,22 Prozent. Zum 52-Wochen-Hoch von 194,46 Euro vom 16. Juni klafft dagegen eine Lücke von 43,58 Prozent. Der RSI von 35,8 signalisiert eine überverkaufte, aber noch nicht extreme Marktlage, während die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 91,56 Prozent das Ausmaß der jüngsten Schwankungen unterstreicht. Ob der zweite Anlauf für Starship Flight 13 gelingt, dürfte kurzfristig mitentscheiden, in welche Richtung sich dieses fragile Gleichgewicht auflöst.