Liebe Leserinnen und Leser,

zwischen 62 und 235 Dollar. So weit klafft die Analystenspanne für eine Aktie, die erst seit einer Woche börsennotiert ist. SpaceX debütierte am 12. Juni an der Nasdaq, eröffnete bei 150 Dollar, erreichte ein Hoch bei 225,64 Dollar — und schloss am Donnerstag bei 185 Dollar. In nur zwei Handelstagen hat die Aktie 18 Prozent verloren. Wer den größten Börsengang aller Zeiten als Selbstläufer verbucht hat, bekommt gerade eine Lektion in Marktmechanik.

SpaceX: Die IPO-Euphorie trifft auf einen 4-Prozent-Float

Die Eckdaten bleiben beeindruckend: 75 Milliarden Dollar Emissionsvolumen — fast das Dreifache von Saudi Aramco 2019. Der Ausgabepreis von 135 Dollar war konservativ kalkuliert, die Marktkapitalisierung überschritt am ersten Handelstag die Zwei-Billionen-Dollar-Marke. Elon Musk wurde rechnerisch zum ersten Billionär der Welt, seine SpaceX-Anteile sind allerdings für 366 Tage gesperrt. Fällt die Aktie unter 138 Dollar, verliert er den Status wieder. Über 4.000 aktuelle und ehemalige Mitarbeiter wurden durch den Börsengang zu Millionären.

Institutionell sieht die Lage solide aus: Moody’s vergab Baa1, Fitch BBB+, S&P Global BBB — jeweils mit stabilem Ausblick. Investment-Grade vom ersten Tag, was den Weg für eine Anleiheemission ebnet.

Doch genau hier beginnt das Problem: Nur 4 Prozent der Aktien befinden sich im freien Handel. Jede größere Order — ob Kauf oder Verkauf — bewegt den Kurs überproportional. Was in der ersten Woche nach oben funktionierte, funktioniert seit Mittwoch nach unten. Der Morningstar-Analyst taxiert den fairen Wert auf 62 Dollar, im besten Fall auf 169 Dollar. Der TipRanks-Konsens steht bei 235,25 Dollar — „Moderate Buy“. Susquehanna-Analyst Chris Murphy beziffert die Wahrscheinlichkeit einer Kurshalbierung binnen drei Monaten auf 15 Prozent.

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Zwei Belastungsfaktoren kommen hinzu: Erstens die geplante 60-Milliarden-Dollar-Übernahme der KI-Coding-Plattform Cursor in Aktien — eine Verwässerung von rund 3,4 Prozent. Zweitens das politische Risiko: Der offene Streit zwischen Donald Trump und Elon Musk Anfang Juni — Trump drohte mit Kürzungen von Regierungsverträgen, Musk konterte mit der Drohung, Dragon stillzulegen — hat Tesla bereits einen Tageseinbruch von 14,26 Prozent gekostet. Für SpaceX, dessen Geschäftsmodell ohne NASA- und Pentagon-Aufträge nicht funktioniert, ist das mehr als ein Randthema.

Accenture: Wenn KI die eigenen Kunden ersetzt

Während SpaceX die KI-Fantasie auf neue Bewertungshöhen treibt, lieferte Accenture am Mittwoch den Realitätsabgleich. Das EPS lag mit 3,80 Dollar zehn Cent über dem Konsens, der Umsatz von 18,72 Milliarden Dollar verfehlte die Erwartungen von 18,75 Milliarden knapp. Plus 5,6 Prozent gegenüber Vorjahr klingt ordentlich — bis man die Details liest: Das Management senkte die FY2026-Umsatzwachstumsprognose, neue Buchungen gingen zurück, der Nahost-Konflikt belastete das dritte Quartal mit rund 100 Millionen Dollar.

Goldman Sachs kappte das Kursziel von 270 auf 230 Dollar bei „neutral“. Die unbequeme Frage dahinter: Wie lange dauert es, bis KI die klassische Beratungsnachfrage schneller kannibalisiert, als Accenture sie in eigene KI-Dienstleistungen umwandeln kann? Dass CEO Atsushi Egawa Ende April 4.872 Aktien zu 177,14 Dollar verkaufte — Gesamtwert 863.026 Dollar —, passt ins Bild, auch wenn einzelne Insiderverkäufe nie überinterpretiert werden sollten.

Oracle: Der Beat, den die Insider nicht abwarteten

Ganz anders die Lage bei Oracle. Der Datenbankkonzern lieferte einen klaren Beat: 2,11 Dollar EPS gegen 1,96 erwartet, 19,18 Milliarden Dollar Umsatz gegen 19,10 erwartet. Die Quartalsdividende von 0,50 Dollar ist am 24. Juli zahlbar. Der Analysten-Konsens lautet „Moderate Buy“ mit einem Kursziel von 268,27 Dollar — bei einem zuletzt notierten Kurs von 184,66 Dollar wären das fast 45 Prozent Aufwärtspotenzial.

Aber auch hier lohnt der zweite Blick: EVP Stuart Levey verkaufte am 16. April 15.000 Aktien für 2,64 Millionen Dollar. Die Q1-2027-Prognose mit 1,72 bis 1,76 Dollar EPS liegt unter dem aktuellen Gewinnlauf. Auf der institutionellen Seite gibt es Bewegung: Vanguard stockte um 3,5 Prozent auf 174,8 Millionen Aktien auf, State Street um 4,4 Prozent, Capital Research Global Investors um 29,3 Prozent. Die großen Adressen kaufen also — aber sie kaufen ein Unternehmen, dessen KI-Infrastruktur-Investitionen erst einmal Marge und Cash kosten, bevor sie Rendite liefern.

Der globale IPO-Zyklus ist nicht vorbei

Wer glaubt, SpaceX sei ein Einzelfall, sollte nach Asien schauen. Chinas Software- und IT-Dienstleistungsbranche meldete für die ersten zwei Monate 2026 ein Umsatzplus von 11,9 Prozent auf über 1,7 Billionen Yuan, mit besonderer Dynamik im Cloud- und Big-Data-Segment (plus 13,8 Prozent). In Indien bereitet Mukesh Ambani das Jio-Platforms-IPO mit 270 Millionen neuen Aktien vor — Analystenschätzungen rangieren bei 130 bis 180 Milliarden Dollar Bewertung.

Am Rand notiert: Smith & Wesson sprang nach starken Q4-Zahlen (Umsatz 178,4 Millionen Dollar, Nettoertrag 16,2 Millionen) um 8,9 Prozent. Die Quartalsdividende von 0,13 Dollar ist am 15. Juli zahlbar.

Quintessenz

SpaceX geht ins erste Wochenende als börsennotiertes Unternehmen — und die Preisfindung ist alles andere als abgeschlossen. Zwischen Morningstars 62 Dollar und dem Konsens-Kursziel von 235 Dollar liegt ein Faktor von fast vier. Bei einem Free Float von 4 Prozent reichen wenige große Orders, um den Kurs in beide Richtungen kräftig zu bewegen. Wer hier einsteigt, kauft nicht nur Starlink und Falcon 9, sondern auch eine 60-Milliarden-Dollar-KI-Wette, politisches Risiko und eine Liquiditätsstruktur, die Volatilität praktisch garantiert.

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Die Quartalszahlen von Accenture und Oracle liefern dazu den passenden Kontext: KI-Infrastruktur bringt Aufträge, aber sie kostet erst einmal Marge und Cash. Die Frage, ob sich das rechnet, beantwortet kein Rating und kein Analysten-Konsens. Die beantwortet der Cashflow — und der ist bei SpaceX noch lange nicht ausgemacht.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.

Herzlichst, Ihr Andreas Sommer