Als Red Cat Holdings die Gespräche über eine Komplettübernahme von Steyr Motors vor rund zwei Wochen beendete, reagierte der Kurs mit einem Rutsch von gut 22,8 Prozent. Für mich war das kein Ausrutscher, sondern der Moment, in dem der Markt gezwungen wurde, wieder auf die operativen Zahlen zu schauen – und die hatten es in sich.
Heute steht die Halbjahresbilanz an, um 10:00 Uhr sprechen CEO Julian Cassutti und CFO Björn Krausmann mit Investoren. Doch die eigentliche Nachricht ist längst raus: Am Montag kappte das Unternehmen seine Prognose für 2026 in einem Ausmaß, das ich in dieser Größenordnung selten gesehen habe.
Statt 75 bis 95 Millionen Euro Umsatz sollen es nun nur noch 56 bis 61 Millionen Euro werden. Die Mittelfristplanung für 2027 mit 140 Millionen Euro Umsatz und 40 Millionen Euro EBIT ist nach eigener Aussage des Unternehmens nicht mehr erreichbar.
Verzögerte Beschaffung, nicht verlorenes Geschäft
Wichtig ist mir die Unterscheidung: Steyr Motors spricht nicht von stornierten Aufträgen, sondern von Verzögerungen bei internationalen Defense-Projekten – öffentliche Beschaffungs-, Genehmigungs- und Abnahmeprozesse ziehen sich offenbar länger hin als geplant. Das ist ein Unterschied, den der Markt aktuell kaum honoriert.
Der Auftragsbestand von über 300 Millionen Euro, den das Unternehmen im Geschäftsbericht 2025 auswies, bleibt formal bestehen. Nur die Frage, wann daraus Umsatz wird, hat sich verschoben.
Die Halbjahreszahlen selbst zeigen, wie dünn das Eis bereits war: 22,8 Millionen Euro Umsatz in den ersten sechs Monaten 2026, praktisch unverändert gegenüber 23,1 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Das bereinigte EBIT lag bei nur 0,1 Millionen Euro – von der einst avisierten Marge von mindestens 15 Prozent ist da nichts zu spüren, die neue Zielspanne für 2026 liegt nun bei 8 bis 12 Prozent.
Die Übernahme war eine Nebelkerze
Rückblickend frage ich mich, ob die Gespräche mit Red Cat den Blick auf diese Entwicklung verstellt haben. Solange ein Erwerbsangebot im Raum stand, ließ sich über operative Schwächen leichter hinwegsehen – ein Übernahmepreis hätte ohnehin über dem fundamentalen Bewertungsniveau gelegen.
Mit dem Ende der Verhandlungen fiel diese Stütze weg, und die Aktie musste sich neu an der eigenen Substanz messen. Das Ergebnis: ein Kurs, der binnen zwölf Monaten rund 47 Prozent verloren hat und sich derzeit bei 27,08 Euro bewegt, nur gut 7 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 25,26 Euro und weit entfernt vom Hoch bei 57,00 Euro Ende September.
Auf der anderen Seite hat das Management im laufenden Jahr durchaus strategisch gehandelt. Die im April abgeschlossene Übernahme von BUKH A/S in Dänemark erweitert die Leistungsbandbreite der Motoren von zuvor 120 bis 300 PS auf nun 24 bis 700 PS – eine deutliche Diversifizierung des Produktportfolios, die erst ab dem zweiten Quartal 2026 konsolidiert wird und laut Unternehmensangabe im ersten vollen Jahr einen positiven Ergebnisbeitrag liefern soll.
Auch die Berufung von Björn Krausmann zum CFO im Mai und die Erweiterung des Vorstands auf zwei Mitglieder lesen sich für mich als Versuch, die Organisation robuster aufzustellen, bevor absehbare Verzögerungen im Defense-Geschäft voll durchschlagen.
Mein Fazit
Für mich überwiegt derzeit die Skepsis. Eine derart drastische Prognosekappung, die zugleich die komplette Mittelfristplanung kassiert, ist kein Detail, das sich mit einem guten Halbjahresbericht wegdiskutieren lässt.
Die Frage, die der heutige Earnings Call beantworten muss, lautet: Wie belastbar ist die neue Guidance von 56 bis 61 Millionen Euro wirklich – und wie viel der Verzögerungen ist tatsächlich nur Timing, wie viel strukturelles Problem in der Beschaffungslogik der Defense-Kunden?
Solange darauf keine überzeugende Antwort kommt, bleibt die Aktie für mich ein Fall für Anleger mit Nerven, nicht für solche, die auf schnelle Stabilisierung hoffen.
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