Während IREN und Applied Digital von Hyperscaler-Verträgen profitieren und ServiceNow mit einer neuen KI-Plattform Analysten reihenweise zu Kurszielanhebungen bewegt, sieht die Lage bei ams-OSRAM und BrainChip anders aus. Der Sensorspezialist führt einen Patentkrieg um seine Automotive-LED-Sparte, während der neuromorphe Chip-Entwickler trotz Umsatzwachstum tiefrote Zahlen schreibt. Der Technologiesektor zeigt gerade eindrücklich, wie unterschiedlich Unternehmen selbst innerhalb desselben KI-Zyklus abschneiden können.

Sektorüberblick: Zwei Geschwindigkeiten im KI-Zeitalter

Der Technologiesektor spaltet sich zunehmend in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen KI-Infrastrukturanbieter, die von den Milliardeninvestitionen der Hyperscaler profitieren. Auf der anderen Seite kämpfen kleinere, noch nicht durchweg profitable Innovatoren um kommerzielle Relevanz.

Neocloud-Anbieter wie IREN und Applied Digital sind zu Stellvertretern für die gesamte KI-Ausbaustory geworden. Ihre Aktienkurse reagieren heftig auf jeden neuen Hyperscaler-Vertrag, jede GPU-Liefermeldung und jeden Konkurrenzbericht. Enterprise-Software-Anbieter wie ServiceNow positionieren sich dagegen als „Governance-Schicht“ für agentenbasierte KI, statt von ihr verdrängt zu werden. Kleinere Halbleiter- und Sensorwerte wie ams-OSRAM und BrainChip navigieren durch ein gemischteres Umfeld aus Patentstreitigkeiten, Restrukturierung und einer noch zarten kommerziellen Rampe bei Edge-KI-Chips.

IREN: Microsoft-Deal und Mirantis-Übernahme treiben die Cloud-Ambitionen

IREN zählt zu den meistbeachteten Neocloud-Werten des Monats. Die Lieferung und Abnahme der ersten Ausbaustufe „Horizon 1“ durch Microsoft sowie der Erhalt des Nvidia-Exemption-Status lösten Mitte August eine kräftige Rally aus. Die Aktie erreichte damals 48,27 US-Dollar und legte an einem einzigen Handelstag rund 6 Prozent zu.

Kurz darauf folgte der nächste Meilenstein: Der Abschluss der 625-Millionen-Dollar-Übernahme von Mirantis erweitert die Cloud-Infrastruktursoftware und das Workload-Management des Unternehmens.

Inzwischen hat sich die Stimmung etwas abgekühlt. IREN steuert auf die Vorlage der Geschäftszahlen für das vierte Quartal des Geschäftsjahres 2026 am morgigen Donnerstag zu – nach einer Serie größerer Geschäftsupdates, darunter im Juli unterzeichnete Verträge im Volumen von 2,8 Milliarden US-Dollar. Aktuell notiert die Aktie bei 34,38 Euro, nachdem sie heute um 4,4 Prozent nachgegeben hat und binnen sieben Tagen 6,3 Prozent verlor. Gegenüber dem 52-Wochen-Hoch von 68,61 Euro liegt die Aktie damit rund die Hälfte im Minus, während sie zum Jahrestief noch immer ein deutliches Polster hält.

Auch andere Neocloud-Werte wie CoreWeave und Nebius gerieten zuletzt unter Druck. Die Wall Street bleibt trotz der Konsolidierung konstruktiv: 17 Analysten vergeben im Schnitt ein „Buy“-Rating mit einem Kursziel von 80,19 US-Dollar – ein Aufschlag von fast 90 Prozent zum jüngsten Kurs.

ams-OSRAM: Neue Patentklagen gegen Automotive-LED-Konkurrenz

ams-OSRAM hat seine Strategie zur Durchsetzung geistigen Eigentums im Automotive-Lichtsegment verschärft. Das Unternehmen reichte in Deutschland zwei Patentklagen gegen einen Elektronikkomponenten-Distributor ein, der Automotive-LED-Produkte des Herstellers Refond Optoelectronics vertreibt. Gefordert werden eine dauerhafte Unterlassung, Schadenersatz sowie Rückruf und Vernichtung der betroffenen Ware.

Die sechs geltend gemachten Patente betreffen Innovationen für effiziente, robuste und kompakte Lichtquellen mit hoher Leuchtdichte, wie sie im Automobilbereich gefordert sind. Damit weitet der österreichische Photonik-Konzern seine bereits 2025 im Bereich Gartenbau-LEDs gestartete Patentoffensive auf die Automobilbranche aus.

Dass Verhandlungsbereitschaft ebenfalls zur Strategie gehört, zeigte sich zuvor: Einen separaten Streit um Gartenbau-LEDs mit einem chinesischen Hersteller löste ams-OSRAM per Lizenzvereinbarung. An der Börse bleibt die Aktie 2026 äußerst schwankungsanfällig. Aktuell notiert sie bei 19,20 Euro, ein Plus von 1,1 Prozent im Tagesverlauf und nahezu deckungsgleich mit dem 50-Tage-Durchschnitt. Nach der kräftigen Kursrallye der vergangenen Monate – die Aktie liegt satte 41 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt – vergeben Analysten aktuell überwiegend ein „Hold“-Rating.

ServiceNow: Wells Fargo und BofA heben Kursziele nach starkem Quartal an

ServiceNow verwandelt seine Positionierung als „AI Control Tower“ zunehmend in belastbare Zahlen und wachsende Analystenzuversicht. Auf der Hausmesse Knowledge 2026 stellte das Unternehmen mit „Action Fabric“ eine Öffnung seiner KI-Plattform für beliebige KI-Agenten vor – egal ob auf Basis von Claude, Copilot oder hausinternen Eigenentwicklungen. Nvidia-Chef Jensen Huang bezeichnete ServiceNow bei seinem Gastauftritt als das designierte Betriebssystem für Enterprise-KI-Agenten.

Die Zahlen untermauern den Anspruch. Die Abo-Umsätze kletterten im zweiten Quartal um 24,5 Prozent auf knapp 3,9 Milliarden US-Dollar, die Gesamterlöse legten um 24 Prozent zu. Die vertraglich gesicherten künftigen Umsätze (RPO) erreichten 29 Milliarden US-Dollar, ebenfalls ein Plus von 21 Prozent.

Die angehobene Jahresprognose – ServiceNow rechnet nun mit Abo-Umsätzen zwischen 15,76 und 15,78 Milliarden US-Dollar – löste eine Welle von Kurszielanhebungen aus. Bank of America erhöhte ihr Ziel auf 150 US-Dollar, Wells Fargo zog mit 175 US-Dollar nach. Die Aktie selbst pendelt aktuell um 107,10 Euro, nach einem Rücksetzer von 1,5 Prozent heute und knapp 1,7 Prozent auf Wochensicht. Der Analystenkonsens bleibt mit einem durchschnittlichen Kursziel von 142,23 US-Dollar und der Einstufung „Strong Buy“ klar bullish.

BrainChip: Umsatz steigt, Verluste weiten sich aus

Die Halbjahreszahlen zum 30. Juni 2026 zeigen bei BrainChip ein zwiespältiges Bild. Der Umsatz legte zwar um 19 Prozent auf 1,22 Millionen US-Dollar zu, gleichzeitig weitete sich der Nettoverlust auf 12 Millionen US-Dollar aus. Der Bericht macht deutlich: Der Entwickler des Akida-Chips wächst zwar, verbrennt aber weiterhin deutlich mehr Kapital, als die noch schmale Umsatzbasis hergibt.

Im Zentrum der Strategie steht weiterhin die Lizenzierung des stromsparenden Akida-Neuromorphic-Prozessors für Edge-KI-Anwendungen in Bild-, Audio- und Sensorverarbeitung. Neue Partnerschaften kamen im Jahresverlauf hinzu, doch Aktionäre monierten bei jüngsten Unternehmensversammlungen wiederholt die Verwässerung ihrer Anteile sowie die Vergütung des Managements. Die Aktie notiert aktuell bei 0,0859 Euro, nach einem Tagesminus von 9,4 Prozent – ein Rückgang von 22 Prozent binnen zwölf Monaten. Sie bleibt damit eine hochspekulative Small-Cap-Wette auf das Edge-KI-Thema, weit entfernt von früheren Höchstständen.

Applied Digital: Analysten heben Kursziele trotz volatilem Handel an

Applied Digital gehörte im August zu den unruhigsten Namen im KI-Rechenzentrumssegment, getrieben sowohl von unternehmensspezifischen Nachrichten als auch von der allgemeinen Stimmung rund um KI-Infrastruktur. Die jüngsten Quartalszahlen übertrafen die Erwartungen deutlich: Der Jahresumsatz legte dank des High-Performance-Computing-Hosting-Geschäfts um mehr als 400 Prozent zu.

Kurz darauf sprang die Aktie um über 8 Prozent, nachdem B. Riley sein Kursziel auf 75 US-Dollar angehoben hatte – Ausdruck der anhaltend starken Nachfrage nach KI-Infrastruktur. Auch Morgan Stanley zog nach und erhöhte sein Ziel von 36,50 auf 37,50 US-Dollar.

Trotz der positiven Analystenstimmen tut sich die Aktie schwer, frühere Höchststände zurückzuerobern. Aktuell notiert sie bei 23,64 Euro, nach einem Minus von 3,4 Prozent heute und 14 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt. Der langfristige Trend bleibt damit angeschlagen, auch wenn das Kursziel von Morgan Stanley weiterhin deutliches Aufwärtspotenzial signalisiert.

Sektordynamik im Vergleich

Die fünf Werte verdeutlichen die wachsende Kluft innerhalb des Technologiesektors:

  • IREN und Applied Digital stehen im Zentrum des KI-Infrastrukturausbaus und profitieren von Hyperscaler-Verträgen mit unmittelbarer Umsatzsichtbarkeit – begleitet von zweistelligen Kursausschlägen an einzelnen Handelstagen
  • ServiceNow besetzt eine komplementäre Nische als Governance- und Orchestrierungsschicht für Enterprise-KI, was eine Serie von Kurszielanhebungen großer Banken nach sich zieht
  • ams-OSRAM und BrainChip repräsentieren die reiferen Halbleiter- beziehungsweise vorkommerziellen Chip-Segmente, wo Patentschutz und langsame Umsatzrampen statt Hyperscaler-Deals die kurzfristigen Kurstreiber sind
  • Die Volatilität klafft entsprechend auseinander: Während IREN und Applied Digital wiederholt Tagesschwankungen von 5 bis 8 Prozent zeigen, bewegt sich ServiceNow trotz jüngster Schwäche deutlich ruhiger

Kommende Wochen entscheiden über die nächste Richtung

Die nächsten Tage bergen erhöhtes Ereignisrisiko für den Sektor. IREN legt morgen nach US-Börsenschluss seine Jahreszahlen vor – im Fokus stehen dabei die Auftragspipeline im KI-Cloud-Geschäft und Fortschritte bei der Mirantis-Integration. Bei Applied Digital richten sich die Blicke weiter auf neue Hyperscaler-Leasingverträge, während die jüngsten Kurszielanhebungen von B. Riley und Morgan Stanley anhaltende Überzeugung vom KI-Rechenzentrumsausbau signalisieren.

ServiceNow dürfte mit weiteren Adoptionskennzahlen zu Action Fabric und möglichen zusätzlichen Kurszielanpassungen nach der jüngsten Prognoseanhebung Schlagzeilen machen. Die Patentklagen von ams-OSRAM in Deutschland werden sich über die kommenden Monate hinziehen, während sich bei BrainChip zeigen muss, ob das jüngste Umsatzwachstum ausreicht, um die anhaltenden Verluste spürbar einzudämmen.