Telus startet eine der größten geografischen Offensiven seiner Geschichte — und wechselt gleichzeitig CEO und CFO. Für Anleger ist das eine ungewöhnliche Kombination: ambitionierte Wachstumspläne, ein Aktienkurs nahe dem Jahrestief und ein neues Führungsduo, das ab Juli das Steuer übernimmt.
Optik TV greift Bell und Videotron an
Am 10. Juni 2026 hat Telus seinen Optik-TV-Dienst in Montreal und Quebec City eingeführt. Kunden erhalten Zugang zu über 300 TV-Kanälen sowie gängigen Streaming-Diensten in einem Paket. Am selben Tag folgte Ontario — dort stehen sogar über 450 Sport- und Live-TV-Kanäle bereit.
Der Schritt ist eine direkte Herausforderung für Bell und Videotron, die in diesen Märkten seit Jahren dominieren. Bislang war Optik TV im Osten weitgehend auf den ländlichen Raum in Quebec beschränkt. Nun dringt Telus in die Kernmärkte der Konkurrenz vor.
Das Angebot setzt auf das eigene PureFibre-Netz als technische Grundlage. Kunden können Streaming-Dienste wie Netflix, Crave, Disney+ und Apple TV bündeln. Wer PureFibre-Internet bucht, profitiert zusätzlich von kombinierten Tarifen mit Mobilfunk, Smart-Home-Sicherheit und Energiemanagement.
CEO und CFO gehen gleichzeitig
Die Expansion fällt in eine Phase des Umbruchs an der Spitze. Langzeit-CEO Darren Entwistle tritt am 30. Juni zurück. Victor Dodig, bislang unabhängiger Verwaltungsratsdirektor und ehemaliger CIBC-Chef, übernimmt am 1. Juli als neuer CEO.
Parallel dazu verlässt CFO Doug French das Unternehmen nach 30 Jahren. Sein Nachfolger wird Gopi Chande, derzeit CFO von Telus Digital und Telus Health. Chande bringt mehr als 30 Jahre Finanzerfahrung mit, darunter zehn Jahre bei KPMG. French bleibt bis Ende Juli beratend tätig.
Zwei Schlüsselpositionen wechseln gleichzeitig — mitten in einer Expansionsphase. Das ist eine Belastung, die Märkte selten ignorieren.
Zahlen zeigen Fortschritte, aber auch Schwächen
Im ersten Quartal 2026 übertraf Telus die Gewinnerwartungen leicht: Der Gewinn je Aktie lag bei 0,23 USD gegenüber den erwarteten 0,22 USD. Der Umsatz verfehlte mit 5,01 Milliarden USD die Prognose von 5,06 Milliarden USD knapp.
Der freie Cashflow stieg um 19 Prozent auf 583 Millionen CAD. Das Verhältnis von Nettoverschuldung zu EBITDA verbesserte sich auf 3,5x, nach 3,9x im Vorjahr. Für das Gesamtjahr 2026 peilt Telus einen freien Cashflow von rund 2,45 Milliarden CAD und ein Verschuldungsziel von 3,3x oder weniger an.
Hinzu kommt eine staatliche Förderung von 63 Millionen CAD für den Glasfaserausbau in ländlichen Regionen von British Columbia. Rund 4.000 Haushalte in indigenen und abgelegenen Gemeinden sollen angeschlossen werden.
Kurs nahe Jahrestief, Momentum fehlt
Die Aktie schloss am Freitag bei 16,64 CAD — nur knapp drei Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 16,18 CAD. Seit Jahresbeginn hat das Papier rund 7,5 Prozent verloren. Mit einem RSI von 37,5 und einem Kurs unterhalb des 50-Tage-Durchschnitts von 17,06 CAD fehlt derzeit der technische Rückenwind.
Kritisch bleibt die Frage der Finanzierung: Zinszahlungen und eine Dividendenrendite nahe zehn Prozent sind durch Gewinne und freien Cashflow nicht vollständig gedeckt. Wer das Wachstum bezahlt, ist noch nicht abschließend geklärt.
Die entscheidenden Datenpunkte für die nächsten Wochen sind die Abonnentenzahlen in Quebec und Ontario sowie das Signal, das das neue Führungsduo am 1. Juli mit seiner ersten öffentlichen Kommunikation setzt.
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