Ein Kurssprung von rund 15 Prozent auf ein neues Jahreshoch, gleichzeitig eine Kursziel-Spanne von 35 bis 100 Dollar unter den Analysten — bei Tempus AI liegen Euphorie und Skepsis derzeit dicht beieinander. Die Aktie des KI-Diagnostikspezialisten notiert bei 76,53 Dollar und hat damit ihr August-Hoch klar überwunden.

Wachstum ist real, Profitabilität bleibt Ziel

Die Zahlen hinter dem Kurssprung sind beeindruckend: Der Umsatz hat sich seit 2022 nahezu vervierfacht, von 320,7 Millionen auf 1,27 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2025. Die Bruttomarge kletterte im selben Zeitraum auf 62,7 Prozent.

Die Nettomarge verbesserte sich von minus 101,8 Prozent auf minus 19,3 Prozent — ein deutliches Signal, dass die größten Verlustjahre hinter dem Unternehmen liegen könnten.

Firmenlenker Eric Lefkofsky hatte diese Woche im US-Fernsehen betont, dass das Gesundheitswesen „wahrscheinlich am meisten von KI profitieren“ werde. Gerade die Analyse von Tumordaten für personalisierte Therapien gilt als Wachstumstreiber. Der Erfolg von Krebsimpfstoffen bei Partnern wie Moderna und Merck & Co. befeuert zusätzlich die Fantasie rund um Tempus AI.

Die Kehrseite: Schulden und Volatilität

Wer nur auf die Wachstumszahlen schaut, übersieht die Risikoseite. Die Verschuldung liegt bei einem Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital von 324,6 Prozent, der freie Cashflow bleibt negativ. Die Übernahme des Krebsgenomik-Spezialisten Personalis für 1,5 Milliarden Dollar in Aktien hat diese Hebelwirkung zusätzlich verstärkt.

Genau hier setzt die Kritik von Jefferies an: Die Bank bewertet die Aktie mit „Underperform“ und einem Kursziel von 35 Dollar, da die Übernahme möglicherweise eine Verlangsamung im Kerngeschäft der Diagnostik überdecke.

Am anderen Ende der Skala stehen Canaccord Genuity und Cantor Fitzgerald mit Kurszielen von jeweils 80 Dollar, H.C. Wainwright mit 66 Dollar sowie Piper Sandler mit 76 Dollar. Das Analystenbild bleibt damit gespalten — die Bandbreite von 35 bis 100 Dollar spiegelt fundamental unterschiedliche Einschätzungen zur Tragfähigkeit des Wachstumstempos wider.

Mit einer Beta von 3,72 reagiert die Aktie überdurchschnittlich stark auf Marktbewegungen. Technisch gilt der Titel auf Tages- und Wochenbasis aktuell als überkauft, während gleichzeitig ein „Dark Cloud Cover“-Muster im Chart als bearishes Warnsignal auftaucht.

Kurzfristig entscheidet sich viel an der Marke von 74,88 Dollar als Unterstützung und 83,55 Dollar als Widerstand. Rutscht der Kurs unter die Unterstützung, dürfte die Debatte um die Personalis-Integration und die hohe Verschuldung schnell wieder in den Vordergrund rücken.