Tesla-Aktionäre erleben gerade eine harte Woche. Die Aktie schloss am Freitag bei 275,35 Euro, nach einem Wochenverlust von 17,31 Prozent. Damit steht das Papier seit Jahresbeginn 29,89 Prozent im Minus — und nur noch 6,03 Prozent über seinem 52-Wochen-Tief von 259,70 Euro.
Der Auslöser: die jüngsten Quartalszahlen. Die operative Marge brach von 4,1 auf 1,4 Prozent ein. Zum ersten Mal seit Langem drehte der freie Cashflow ins Negative, mit einem Fehlbetrag von 1,1 Milliarden Dollar, nachdem im Vorjahresquartal noch 146 Millionen Dollar erwirtschaftet wurden. Der RSI von 27,9 signalisiert eine überverkaufte Aktie — ein Zustand, der normalerweise Gegenbewegungen begünstigt, aber keine Garantie ist.
Die entscheidende Frage
Für Tesla-Investoren läuft derzeit alles auf eine Abwägung hinaus: Können Robotaxi, Optimus und die hauseigenen KI-Chips schnell genug echtes Geld verdienen? Oder frisst die Margen-Erosion im Kerngeschäft die Substanz auf, bevor die Kapitalmärkte die Geduld verlieren?
Das bullische Szenario
Die Nachfrageseite zeigt sich robuster als erwartet. Tesla lieferte im zweiten Quartal 480.126 Fahrzeuge aus — deutlich mehr als die von Analysten erwarteten 406.024 Einheiten. Das entspricht einem Plus von 25 Prozent zum Vorjahr und 34 Prozent zum Vorquartal.
Auch das Energiegeschäft läuft. Tesla produzierte über 450.000 Fahrzeuge und installierte zusätzlich 13,5 Gigawattstunden an Energiespeicherprodukten im Quartal.
Beim autonomen Fahren expandiert Tesla geografisch. Der Robotaxi-Dienst startete im zweiten Quartal unbeaufsichtigte Fahrten in Dallas und Houston, zuletzt kam Miami hinzu. Die Flotte läuft mittlerweile auf der Softwareversion „v.15“ — derselben Version, die auch der kommende Cybercab nutzen soll. Setzt sich diese Expansion fort, ohne dass Sicherheitsvorfälle die Regulierer auf den Plan rufen, könnte das die Erzählung von Tesla als KI-Plattform stützen. Genau diese Erzählung rechtfertigt aus Analystensicht die im Vergleich zu klassischen Autobauern deutlich höhere Bewertung.
Das bärische Szenario
Die Kehrseite: Tesla gibt deutlich schneller Geld aus, als das Unternehmen mit den neuen Wetten verdient. Die operativen Ausgaben stiegen im zweiten Quartal um 47 Prozent auf 4,35 Milliarden Dollar, größtenteils getrieben von Investitionen in KI und Forschung. Noch steiler kletterten die Investitionsausgaben — um 142 Prozent auf 5,79 Milliarden Dollar, verglichen mit 2,39 Milliarden im Vorjahresquartal.
Finanzchef Vaibhav Taneja hatte bereits im April angekündigt, dass die Investitionsausgaben dieses Jahr 25 Milliarden Dollar übersteigen würden. Entlastung ist nicht in Sicht: Taneja erklärte den Investoren, die operativen Kosten würden „2026 und darüber hinaus weiter wachsen“, zusätzlich befeuert durch steigende Rohstoffpreise und Zinsänderungen.
Das Kernproblem bleibt: Der Autonomie-Vorsprung, den Tesla behauptet, existiert im kommerziellen Maßstab noch nicht. Das Unternehmen liegt weit hinter etablierten Robotaxi-Anbietern wie Alphabets Waymo oder Baidus Apollo Go zurück. Der zweisitzige Cybercab befindet sich zwar in Produktion, ein Termin für die öffentliche Zulassung steht aber weiterhin nicht fest.
Auch Optimus, die zweite Säule der KI-Erzählung, ist noch weit von der Kommerzialisierung entfernt. Tesla installiert derzeit die ersten Produktionslinien und will „bald“ mit der Fertigung beginnen. Die ersten Roboter dienen ausschließlich der Datensammlung und Funktionsentwicklung — nicht dem Verkauf an Kunden.
Ausblick
Charttechnisch ist die Aktie tief überverkauft. Sie notiert 21,01 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 348,59 Euro und 22,75 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 356,42 Euro. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 373,75 Euro — ein theoretisches Aufwärtspotenzial von 35,7 Prozent. Dieses Ziel spiegelt aber weiterhin die KI-Plattform-These wider, nicht die aktuellen Automobilzahlen.
Solange die Auslieferungen hoch bleiben und die Robotaxi-Expansion ohne Sicherheitsvorfall weiterläuft, bleibt das bullische Szenario einer Annäherung an die Analystenziele realistisch. Hält die Margen-Erosion dagegen an, bleibt der freie Cashflow negativ, und verharren Optimus und Cybercab in der Vorkommerzialisierungsphase, dürfte der Kurs weiter Richtung 52-Wochen-Tief tendieren. Der nächste konkrete Prüfstein: die Auslieferungs- und Produktionszahlen für das dritte Quartal 2026, zusammen mit neuen Details zum Tempo der Cybercab- und Optimus-Kommerzialisierung.
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