Thyssenkrupp gibt am Mittwoch nach. Der Aktienkurs fällt um 1,84 Prozent auf 11,97 Euro. Wer nur auf diesen Tag schaut, verpasst die eigentliche Geschichte: Seit Jahresanfang steht ein Plus von 29,12 Prozent zu Buche, seit dem Jahrestief bei 7,10 Euro hat sich der Kurs um 68,61 Prozent erholt. Die Frage für mich lautet: Trägt diese Story über den Sommer hinaus?
Der Spin-off treibt den Kurs
Der Hintergrund der jüngsten Stärke ist der geplante Konzernumbau. Thyssenkrupp zerschlägt den klassischen Mischkonzern weiter. Nach der Verselbstständigung der Marinesparte TKMS steht nun die Abspaltung der Werkstoffhandelssparte an. Der neue Name: tk accelis. Erste Meldungen zur Tochtergesellschaft zeigen, dass die Sparte bereits an ihrer Profitabilität arbeitet.
Für mich ist genau das der Kern der Bullen-These. Ein Konzern, der jahrelang unter dem sogenannten Konglomerats-Abschlag litt, entfaltet durch die Aufspaltung in fokussierte Einheiten Wert. Dieser Wert blieb zuvor im Gesamtgebilde verborgen. Der Kurs hat diese Logik längst vorweggenommen: Die Rallye seit dem Jahrestief ist beachtlich.
Charttechnik: Trend intakt, aber nicht ungebremst
Der RSI von 55,5 zeigt: Die Aktie ist weder überkauft noch überverkauft. Charttechnisch bleibt hier Luft in beide Richtungen. Positiv ist der Abstand von 5,21 Prozent zum 50-Tage-Durchschnitt sowie von 19,08 Prozent zum 200-Tage-Durchschnitt. Der mittelfristige Aufwärtstrend bleibt damit intakt.
Der Tagesverlust und ein Minus von 1,36 Prozent auf Wochensicht zeigen aber: Gewinnmitnahmen sind jederzeit möglich.
Bis zum 52-Wochen-Hoch bei 13,24 Euro fehlen der Aktie noch 9,59 Prozent. Wer optimistisch bleibt, dürfte genau diese Marke als nächstes Ziel im Blick behalten. Die annualisierte Volatilität von 43,61 Prozent macht aber deutlich: Rückschläge auf dem Weg dorthin sind eher die Regel als die Ausnahme.
Operative Realität bremst die Euphorie
Hier liegt für mich der Wermutstropfen. Die Kapitalmarkt-Story überzeugt, das operative Bild im Stahlgeschäft bleibt aber durchwachsen. Eine aktuelle Einschätzung zur deutschen Stahlbranche bringt es auf den Punkt: Es wird zwar wieder mehr Stahl produziert, von einer echten Trendwende kann aber noch keine Rede sein.
Diese Nuance sollte niemand ignorieren, der die Rallye allein mit dem europäischen Zollschutz gegen Billigimporte erklärt. Marktschutz ersetzt keine strukturelle Nachfragebelebung.
Auch das Marinegeschäft bleibt vorerst eine Chance, kein gesicherter Fakt. Der milliardenschwere kanadische U-Boot-Auftrag klingt verlockend. TKMS wurde bislang aber nur als bevorzugter Anbieter ausgewählt. Ein final unterzeichneter Vertrag steht noch aus.
Unterm Strich überwiegen für mich die Argumente für eine vorsichtig positive Haltung. Der Konzernumbau mit dem geplanten tk-accelis-Spin-off dürfte strukturell Wert freisetzen, der bislang im Konzerngebilde verschüttet war. Die Charttechnik untermauert das mittelfristig positive Bild oberhalb aller relevanten gleitenden Durchschnitte.
Wer investiert ist, muss zwei Risiken im Blick behalten. Die operative Erholung im Stahlgeschäft ist noch lange nicht in trockenen Tüchern. Der Kanada-Auftrag für TKMS steht weiterhin unter Vorbehalt.
Die annualisierte Volatilität von über 43 Prozent macht die Aktie zu einem Papier für stabile Nerven. Rücksetzer wie der heutige dürften eher die Regel als die Ausnahme bleiben.
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