Thyssenkrupp befindet sich in einer Umbruchphase, wie es sie selten gegeben hat – und für mich ist genau das der eigentliche Grund, warum die Aktie derzeit so viel Aufmerksamkeit verdient. Nicht die Tagesbewegung von 2,1 Prozent am Donnerstag, nicht die einzelne Nachricht, sondern die schiere Zahl paralleler Baustellen, die der Konzern gleichzeitig bearbeitet.

Zwei Großprojekte, ein Konzern

Am 7. August hat die außerordentliche Hauptversammlung mit 99,99 Prozent Zustimmung die Abspaltung von tk accelis genehmigt. Die Finanzierung über ein Borrowing Base Agreement von 1,7 Milliarden Euro steht, die Börsennotierung ist für Ende Oktober terminiert, Thyssenkrupp behält 51 Prozent, der Rest geht an die Aktionäre. Das ist kein kleines Nebenprojekt – es ist die konsequente Fortsetzung einer Strategie, die den Konzern in handhabbare Einzelteile zerlegen soll.

Parallel dazu bleibt die Zukunft der Stahlsparte TKSE ungeklärt. Nachdem die Verhandlungen mit Jindal Steel International im Mai wegen veränderter Marktbedingungen ausgesetzt wurden, prüft Vorstandschef López seither offenbar weitere Optionen, bis hin zur Abgabe der Aktienmehrheit. Für mich ist das der eigentliche Knackpunkt der Investmentstory: Während tk accelis einen klaren Fahrplan hat, tappt der Markt bei der Stahlsparte weiter im Dunkeln.

Operative Verbesserung als Fundament

Was die These stützt, dass der Konzern operativ Boden gutmacht, sind die Zahlen aus dem dritten Quartal, vor gut drei Wochen vorgelegt. Das bereinigte EBIT stieg um 18 Prozent auf 183 Millionen Euro, der Umsatz kletterte um 8 Prozent auf 8,79 Milliarden Euro.

Das Nettoergebnis drehte auf plus 34 Millionen Euro, nach einem Verlust von 255 Millionen Euro im Vorjahresquartal – wenngleich ein positiver bilanzieller Effekt von 131 Millionen Euro aus dem Verkauf der HKM-Anteile an Salzgitter kräftig mitgeholfen hat. Wer diesen Sondereffekt herausrechnet, muss die operative Verbesserung etwas nüchterner bewerten, als es die Schlagzeile suggeriert.

Trotzdem hat das Management die Jahresprognose angehoben: Das bereinigte EBIT soll nun zwischen 600 und 900 Millionen Euro liegen, vorher lautete die Spanne 500 bis 900 Millionen Euro. Auch beim Nettoergebnis und beim Umsatz wurde die untere Bandbreite angehoben. Das ist kein spektakulärer Sprung, aber es ist ein Signal: Das Management traut sich selbst mehr zu als noch im Frühjahr.

Der Markt hat schon reagiert – zu Recht?

Seit der Prognoseanhebung ist die Aktie um 7,2 Prozent gestiegen, seit den vergangenen Analystenkommentaren am Sonntag aber wieder um 2,4 Prozent gefallen. Das zeigt für mich, dass der Markt zwiegespalten ist: Die operative Story überzeugt, die strukturellen Fragezeichen bei der Stahlsparte bremsen die Euphorie.

Mit einem Kursgewinn von 54 Prozent seit Jahresanfang und einem Abstand von gerade einmal 5,8 Prozent zum 52-Wochen-Hoch ist ohnehin schon viel Optimismus eingepreist. Der Blick auf den 200-Tage-Durchschnitt, von dem der Kurs rund 36 Prozent entfernt notiert, unterstreicht, wie weit sich die Aktie von ihrem langfristigen Mittel bereits gelöst hat.

Unterm Strich sehe ich Thyssenkrupp an einem Scheidepunkt. Die tk-accelis-Abspaltung liefert einen konkreten, terminierten Katalysator für Ende Oktober und dürfte die Konzernstruktur spürbar vereinfachen.

Die operative Erholung, gestützt durch steigende Mengen und Preise im Materialhandel, spricht für eine fundamentale Stabilisierung. Was fehlt, ist Klarheit bei TKSE – solange die Stahlsparte ohne Partner und ohne klaren Fahrplan dasteht, bleibt ein zentraler Unsicherheitsfaktor bestehen.

Für Anleger heißt das: Die Story ist intakt, aber sie ist noch nicht auserzählt. Wer auf den Umbau setzt, muss auch die offenen Fragen bei der Stahlsparte mit einpreisen – die Kursreaktion der vergangenen Woche zeigt, dass der Markt genau das bereits tut.