Ausgangslage
Zwei Wochen sind seit der Nachricht vergangen, die den Kurs von Thyssenkrupp in Bewegung gesetzt hat: Am 13. August hob der Konzern nach dem dritten Quartal 2025/2026 die Untergrenze seiner Jahresprognose für das bereinigte EBIT auf 600 bis 900 Millionen Euro an, zuvor lag die Spanne bei 500 bis 900 Millionen Euro.
Der Umsatz im Quartal stieg um 8 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT um 18 Prozent auf 183 Millionen Euro, unter dem Strich blieb ein Nettogewinn von 34 Millionen Euro.
Reuters berichtete zudem, der Konzern stehe kurz vor einer Einigung mit Brüssel zur Absicherung des mit rund 3 Milliarden Euro veranschlagten Green-Steel-Projekts – ein Schritt, den der Finanzchef als Entschärfung der Unsicherheit um das überwiegend zuschussfinanzierte Vorhaben bezeichnete.
Warum das jetzt noch zählt: Die Aktie hat die Bewegung seither nicht abgegeben, sondern ausgebaut. Zum Schluss des gestrigen Mittwochshandels stand das Papier bei 14,36 Euro, nur 0,7 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 14,45 Euro.
Allein in den vergangenen 30 Tagen legte der Kurs um 18 Prozent zu. Für Anleger stellt sich damit weniger die Frage, ob die Zahlen gut waren – das ist entschieden –, sondern ob die aktuelle Bewertung die operative Realität noch trägt oder bereits vorwegnimmt.
Die entscheidende Frage
Der zentrale Faktor ist nicht die Prognoseanhebung selbst, sondern deren Nachhaltigkeit über die verbleibenden neun Monate des Geschäftsjahres hinaus.
Für die ersten neun Monate 2025/2026 weist Thyssenkrupp einen Nettoverlust von 311 Millionen Euro aus, bei einem bereinigten EBIT von 591 Millionen Euro. Die angehobene Jahresspanne von 600 bis 900 Millionen Euro bedeutet also, dass praktisch die gesamte Ergebnisleistung bereits eingefahren ist – das vierte Quartal muss lediglich bestätigen, was die ersten drei schon erbracht haben.
Gleichzeitig hält der Konzern an der schwachen Umsatzprognose von minus 3 bis minus 1 Prozent fest und am negativen freien Cashflow vor M&A von minus 600 bis minus 300 Millionen Euro. Die entscheidende Frage lautet damit: Trägt die Ergebnisverbesserung aus Steel Europe, Marine Systems und Materials Services auch dann, wenn der Umsatz weiter schrumpft und der Cashflow negativ bleibt?
Bullisches Szenario
Bestätigt sich die Brüsseler Einigung zum Green-Steel-Projekt, fiele ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor für die Kapitalplanung weg – der Finanzchef selbst sprach von einer Entschärfung des Risikos rund um das milliardenschwere, größtenteils zuschussfinanzierte Vorhaben. In Kombination mit anhaltend guten Beiträgen aus Stahl, Marine und Materialhandel könnte der Konzern die obere Hälfte seiner EBIT-Spanne erreichen.
Die technische Verfassung der Aktie unterstützt dieses Szenario: Mit einem Abstand von 39 Prozent zum 200-Tage-Durchschnitt und einem Kurs, der sich binnen zwölf Monaten um 60 Prozent verteuert hat, preist der Markt bereits eine strukturelle Verbesserung ein, die durch weitere positive Nachrichten bestätigt werden müsste.
Bärisches Szenario
Der RSI von 68,1 signalisiert eine überkaufte Situation, die anfällig für Rückschläge ist, sollte die nächste Nachrichtenlage nicht mithalten. Der anhaltend negative Cashflow und der Nettoverlust über neun Monate zeigen, dass die operative Erholung noch nicht auf die Bilanz durchschlägt.
Sollte die Einigung mit Brüssel zum Green-Steel-Projekt scheitern oder sich verzögern – sie ist bislang nicht vollzogen, sondern laut Reuters lediglich in Aussicht –, würde die Unsicherheit um die Finanzierung des Vorhabens zurückkehren. Auch die hohe annualisierte Volatilität von 43 Prozent macht deutlich, dass Kursbewegungen in beide Richtungen ausgeprägt ausfallen können.
Ausblick
Solange die operativen Segmente Steel Europe, Marine Systems und Materials Services ihre positive Dynamik halten und die Brüsseler Einigung zum Green-Steel-Projekt tatsächlich zustande kommt, bleibt das Szenario einer fortgesetzten Neubewertung intakt.
Kippt dagegen der Cashflow weiter ins Negative, ohne dass sich die Umsatzentwicklung stabilisiert, dürfte die Diskrepanz zwischen Ergebnisverbesserung und Bilanzrealität wieder in den Fokus rücken. Der nächste konkrete Prüfstein ist der Abschluss des laufenden Geschäftsjahres 2025/2026, wenn sich zeigen wird, ob die angehobene EBIT-Untergrenze von 600 Millionen Euro tatsächlich erreicht wird.
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