Tilray legt Rekordzahlen vor. Trotzdem warnt ein aktueller Analystenbericht vor einem grundlegenden Problem: Der Cannabis- und Getränkekonzern verbrennt weiter Geld. Die Aktie steigt dennoch kräftig.

Am Dienstag schloss das Papier bei 6,39 kanadischen Dollar, ein Plus von 0,79 Prozent. Auf Wochensicht steht sogar ein Kurssprung von 15,34 Prozent zu Buche. Auslöser war die Vorlage der Zahlen zum vierten Quartal und zum Gesamtjahr des Geschäftsjahres 2026 am 28. Juli.

Rekordumsatz, aber woher kommt das Wachstum?

Der Nettoumsatz kletterte um 11 Prozent auf 915,5 Millionen US-Dollar. Tilray selbst spricht von Rekordergebnissen über sein diversifiziertes Portfolio aus Cannabis, Getränken, Gastronomie und Wellness-Produkten.

Eine Analyse von Motley Fool zeichnet allerdings ein kritischeres Bild. Der Bericht bemängelt, dass Tilray aus der Distanz wie ein solides, breit aufgestelltes Unternehmen wirkt. Wer aber zu stark auf Zukäufe setzt, verschleiert die eigentliche organische Wachstumsrate. Als Beispiel dient das Getränkesegment: Mit einer Wachstumsrate von 19 Prozent und einem Umsatz von 241 Millionen US-Dollar sieht dieser Bereich stark aus. Ein Großteil davon geht aber auf Übernahmen zurück, nicht auf organisches Geschäft.

Der Cashflow bleibt das eigentliche Problem

Im Kern geht es um die Liquidität. In den vergangenen zwölf Monaten verbrauchte Tilray 69 Millionen US-Dollar allein für das laufende operative Geschäft, ohne Investitionsausgaben mitzurechnen. Die Investitionstätigkeit, zu der auch Akquisitionen zählen, kostete weitere 56 Millionen US-Dollar.

Die Bilanz zeigt ein gemischtes Bild. Ende Mai verfügte Tilray über rund 235 Millionen US-Dollar an Barmitteln, gesperrten Geldern und Wertpapieren. Die Nettoverschuldung lag bei überschaubaren 0,7 Millionen US-Dollar, während die Gesamtverbindlichkeiten in der Bilanz bei rund 227 Millionen US-Dollar standen. Hinzu kommen Leasingverbindlichkeiten von 171,5 Millionen US-Dollar. Schuldenfrei ist der Konzern damit nicht.

Bei der Profitabilität zeigt sich die Kluft zwischen bereinigten und tatsächlichen Zahlen deutlich. Das bereinigte EBITDA lag bei 61,1 Millionen US-Dollar, der bereinigte Nettogewinn bei 12,2 Millionen US-Dollar. Nach GAAP-Bilanzierung stand jedoch ein Nettoverlust von 105,2 Millionen US-Dollar zu Buche, der operative Cashflow lag bei minus 69,1 Millionen US-Dollar. Der freie Cashflow fiel mit minus 98,6 Millionen US-Dollar noch deutlicher negativ aus.

Analysten uneinig, Ausblick vorsichtig positiv

Die Wall Street bewertet die Lage uneinheitlich. Derek Lessard von TD Cowen bestätigte seine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 5 US-Dollar. Frederico Gomes von ATB und Aaron Grey von Alliance Global bleiben dagegen bei Halten-Einstufungen, mit Kurszielen von 8 beziehungsweise 5 US-Dollar.

Das Management blickt trotz der Kritik zuversichtlich nach vorn. Für das Geschäftsjahr 2027 rechnet Tilray mit einem bereinigten EBITDA zwischen 68 und 75 Millionen US-Dollar, ein Plus von 11 bis 23 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Der Umsatz soll die Marke von 1 Milliarde US-Dollar überschreiten. CEO Irwin Simon betont, das nächste Kapitel für Tilray werde nicht von einem einzelnen Produkt, einem Markt oder einer regulatorischen Entscheidung bestimmt.

Die Verwässerung als Kehrseite

Genau hier setzt die Kritik von Motley Fool an: Tilray finanziert sein Wachstum immer wieder über neue Aktien. Die gewichtete durchschnittliche Aktienzahl stieg im Geschäftsjahr 2026 um 26 Prozent auf 111,8 Millionen Stück. Im vierten Quartal allein legte die Zahl um 18 Prozent auf 115,5 Millionen zu. Über die Ausgabe von Aktienkapital sammelte der Konzern nach Kosten 158,0 Millionen US-Dollar ein.

Das im April gestartete Aktienverkaufsprogramm erlaubt weitere Verkäufe im Volumen von 180 Millionen US-Dollar. Bis zum 28. Juli hatte Tilray darüber bereits 87 Millionen US-Dollar brutto eingenommen, zu einem Durchschnittspreis von 6,77 US-Dollar je Aktie. Solche Programme verwässern bestehende Aktionäre und können den Kurs zusätzlich belasten.

Mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet 532,27 Millionen Euro bleibt Tilray ein Nebenwert, dessen Bewertung stark von der Wachstumsstory abhängt. Für Anleger bleibt die Kernfrage bestehen: Reicht das Umsatzwachstum aus, um die anhaltende Kapitalverwässerung zu rechtfertigen, solange der operative Cashflow negativ bleibt?