Ein Konzern, der seine Jahresprognose innerhalb weniger Monate zum zweiten Mal anhebt, sollte an der Börse eigentlich gefeiert werden. Bei TKMS ist das Gegenteil der Fall.

Seit dem Hoch Mitte August hat die Aktie rund 23 Prozent verloren, allein in den vergangenen sieben Handelstagen ging es um 7,2 Prozent nach unten. Für mich ist das ein Missverhältnis, das genauer betrachtet werden muss – denn operativ liefert der Marineschiffbauer derzeit so stark wie selten zuvor.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Am 12. August legte TKMS Zahlen für die ersten neun Monate des Geschäftsjahres 2025/26 vor, die keinen Interpretationsspielraum lassen: Der Umsatz kletterte um 19 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT stieg um 13 Prozent auf 110 Millionen Euro.

Das Management reagierte prompt und schraubte die Jahresprognose von zuvor 2 bis 5 Prozent Umsatzwachstum auf nun 10 bis 12 Prozent nach oben, die EBIT-Marge soll bis zu 6,5 Prozent erreichen. Mittelfristig peilt der Konzern sogar 10 Prozent jährliches Umsatzwachstum bei einer Marge von über 7 Prozent an.

Besonders bemerkenswert finde ich die Entwicklung im U-Boot-Segment: Das bereinigte EBIT vervierfachte sich dort auf 46 Millionen Euro, nachdem margenstärkere Neubauprojekte zunehmend ältere, weniger profitable Verträge ablösen.

Auch die Rüstungselektronik-Tochter Atlas Elektronik liefert ab – der Umsatz wuchs um 28 Prozent auf 612 Millionen Euro, der Auftragseingang verachtfachte sich sogar auf 1,95 Milliarden Euro. Wer nach struktureller Substanz hinter der Wachstumsstory sucht, wird hier fündig.

Der Auftragsberg wächst schneller als der Kurs schrumpft

Der Auftragsbestand erreichte Ende Juni mit 20,1 Milliarden Euro einen Rekordwert. Rechnet man den nach dem Bilanzstichtag unterzeichneten Fregattenvertrag über vier MEKO A-200 DEU im Volumen von 6,3 Milliarden Euro hinzu, liegt das Orderbuch bereits bei über 25 Milliarden Euro. Das ist für einen Konzern mit einer Marktkapitalisierung von aktuell 5,76 Milliarden Euro eine beachtliche Größenordnung – und sie ist noch nicht vollständig eingepreist, denn weitere Großprojekte stehen im Raum.

Für das kanadische U-Boot-Programm mit bis zu zwölf Booten des Typs 212CD, einem Volumen von über 15 Milliarden Euro allein für die Boote, gilt TKMS als bevorzugter Bieter. Mit Indien laufen zudem finale Verhandlungen über sechs U-Boote plus Option auf drei weitere.

Ich sehe darin eine Pipeline, die weit über den aktuellen Auftragsbestand hinausreicht. Dass der Aktienkurs trotzdem seit Wochen unter Druck steht, lässt sich meines Erachtens nicht allein mit fundamentalen Argumenten erklären.

Warten die Anleger auf harte Beweise?

Ein Belastungsfaktor liegt allerdings klar auf der Hand: Der freie Cashflow drehte nach neun Monaten auf minus 204 Millionen Euro, nach plus 631 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.

Bei einem Rüstungskonzern mit langen Vorlaufzeiten und hohen Vorleistungen für Großprojekte ist das nicht ungewöhnlich – trotzdem dürfte es Anleger verunsichern, die auf Cash-Konversion statt nur auf Auftragswachstum schauen. Hinzu kommt, dass TKMS beziehungsweise die Tochter Atlas Elektronik im Juni Opfer eines Ransomware-Angriffs der Gruppe TheGentlemen wurde, deren Daten-Listing auf einem Dark-Web-Portal identifiziert wurde. Reputations- und operative Risiken solcher Vorfälle lassen sich schwer beziffern, gehören für mich aber in die Abwägung.

Bernstein Research hatte vor gut drei Wochen das Kursziel deutlich auf 125 Euro angehoben und auf „Outperform“ hochgestuft – seither hat die Aktie um 19,4 Prozent nachgegeben, was zeigt, wie wenig belastbar solche Kurszielsprünge kurzfristig für den Kursverlauf sind.

Mein Fazit

Der Kurs notiert mit 83,70 Euro nahe am 200-Tage-Durchschnitt von 83,58 Euro und damit in einer technisch neutralen Zone, während der RSI von 40,2 auf nachlassenden Verkaufsdruck hindeutet. Unterm Strich überwiegen für mich die operativen Argumente: Rekordauftragsbestand, zweite Prognoseanhebung binnen Monaten und eine Pipeline aus Kanada und Indien, die das Wachstum über Jahre tragen könnte.

Der Cashflow-Einbruch und die Cyberattacke sind ernstzunehmende Warnsignale, rechtfertigen für mich aber keinen Ausverkauf dieser Größenordnung. Die Diskrepanz zwischen operativer Stärke und Kursschwäche dürfte sich meiner Einschätzung nach mittelfristig nicht halten lassen.