Ein RSI von 75, eine Jahresperformance von 59 Prozent, ein Kurs, der nur noch gut drei Prozent vom Allzeithoch entfernt notiert – wer auf reine Kennzahlen schaut, müsste bei TKMS eigentlich die Warnlampen aufleuchten sehen. Und doch bin ich skeptisch, ob die klassische Überhitzungswarnung hier greift. Denn diesmal steckt hinter der Rally kein reines Sentiment, sondern eine fundamentale Neubewertung, die sich in Zahlen belegen lässt.
Die zweite Prognoseanhebung ist der eigentliche Kern
Am Mittwoch hat TKMS seine Prognose für das laufende Geschäftsjahr 2025/26 bereits zum zweiten Mal angehoben. Statt eines Umsatzwachstums von 2 bis 5 Prozent stehen nun 10 bis 12 Prozent im Raum, die bereinigte EBIT-Marge soll bis zu 6,5 Prozent statt zuvor über 6 Prozent erreichen.
In den ersten neun Monaten wuchs der Umsatz bereits um 19 Prozent auf rund 1,89 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT kletterte von 98 auf 110 Millionen Euro. Für mich ist das der entscheidende Punkt: Eine Prognoseanhebung mitten im Jahr, und dann gleich die zweite, ist kein Zufallstreffer, sondern spricht für eine Auftragslage, die sich schneller in Umsatz übersetzt als noch vor Monaten gedacht.
Dass der Auftragsbestand mittlerweile bei historisch hohen 20,1 Milliarden Euro liegt, untermauert diese Einschätzung. Ein wesentlicher Treiber dafür war die im Juli vom Haushaltsausschuss des Bundestages gebilligte Beschaffung von vier Fregatten des Typs MEKO A-200 DEU plus Option auf vier weitere – nach eigenen Angaben der bisher größte Überwasserschiff-Auftrag der Firmengeschichte.
Wer die Visibilität eines solchen Auftragspolsters kennt, versteht, warum Analysten hier nicht von Euphorie, sondern von einer strukturellen Neubewertung sprechen.
Analysten ziehen nach – mit unterschiedlichem Nachdruck
Bernstein Research stufte die Aktie am Mittwoch von „Market-Perform“ auf „Outperform“ hoch und hob das Kursziel massiv von 76 auf 125 Euro an – ein Schritt, der am selben Tag einen Kursanstieg von rund 12 Prozent auslöste. Das ist keine kosmetische Anpassung, sondern eine Neuverankerung der Bewertungsbasis.
Bankhaus Metzler zog am Mittwoch nach und erhöhte sein Kursziel von 105 auf 115 Euro, verbunden mit der Einstufung „Buy“. Beide Häuser begründen ihre Schritte explizit mit den Quartalszahlen und der verbesserten Sichtbarkeit durch den Auftragsbestand – für mich ein Indiz, dass hier nicht spekulativ nachgezogen, sondern fundamental neu gerechnet wurde.
Auch der Mehrheitsaktionär Thyssenkrupp bestätigte in seinem jüngsten Quartalsbericht den Kurs der seit Oktober 2025 börsennotierten Tochter und verwies ausdrücklich auf die hohe Visibilität durch den Auftragsbestand. Das mag man als Pflichtübung eines Großaktionärs abtun – trotzdem passt es ins Bild einer Aktie, deren operative Story sich derzeit von mehreren Seiten bestätigt.
Zwischen Bewertungssorge und struktureller Story
Mit einem Kurs von 105,20 Euro und einem Plus von 1,4 Prozent zum Vortag setzt die Aktie ihre Bewegung fort, nachdem sie binnen 30 Tagen bereits um 29 Prozent zugelegt hat.
Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von 29 Prozent zeigt, wie weit sich der Kurs von seiner mittelfristigen Basis gelöst hat – das ist der Teil der Geschichte, der zur Vorsicht mahnt. Eine Volatilität von 52 Prozent auf 30-Tage-Basis bedeutet: Rückschläge sind jederzeit möglich, und ein überkaufter RSI lädt erfahrungsgemäß zu Gewinnmitnahmen ein.
Trotzdem überwiegen für mich die Argumente auf der fundamentalen Seite. Ein Rüstungskonzern mit einem Auftragsbestand von über 20 Milliarden Euro, zwei Prognoseanhebungen binnen eines Jahres und einer strukturell wachsenden Nachfrage aus der Verteidigungspolitik lässt sich nicht allein mit technischen Indikatoren erklären.
Der nächste echte Prüfstein wird der Geschäftsbericht für das Gesamtjahr 2025/26 am 12. November sein – erst dann zeigt sich, ob sich die aktuelle Dynamik in belastbare Jahreszahlen übersetzt.
Unterm Strich: Die Bewertung ist ambitioniert, aber sie ruht auf einem Fundament, das sich in den letzten Wochen sichtbar verbreitert hat. Wer die Rally allein als Sentiment-Blase abtut, übersieht, dass hier ein Auftragsbestand und zwei Prognoseanhebungen die eigentliche Erzählung liefern – nicht der Chart.
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