Valneva steckt mitten in einer Rosskur. Wer sich die vergangenen Wochen ansieht, könnte meinen, hier stehe ein Unternehmen mit dem Rücken zur Wand: sinkende Umsätze, ein deutlich höherer Nettoverlust, ein Restrukturierungsprogramm mit Stellenabbau. Und doch bin ich überzeugt: Genau diese unbequeme Rosskur ist der richtige Weg – auch wenn der Markt sie noch nicht durchgehend goutiert.

Die Zahlen aus der vergangenen Woche waren kein Ruhmesblatt. Die Produktumsätze fielen im ersten Halbjahr auf 64,0 Millionen Euro, nach 91,0 Millionen im Vorjahreszeitraum. Der Nettoverlust wuchs auf 63,3 Millionen Euro, nach 20,8 Millionen ein Jahr zuvor.

Dazu kamen Sonderposten: eine Rückstellung von 9,7 Millionen Euro für Vertragsstrafen bei externen Fertigungsverpflichtungen für den Chikungunya-Impfstoff IXCHIQ sowie eine nicht zahlungswirksame Abschreibung von 4,5 Millionen Euro auf Lagerbestände, weil sich das Reisegeschäft schwächer entwickelte als erwartet.

Seit der Vorlage dieser Zahlen am vergangenen Montag hat die Aktie 2,7 Prozent verloren – eine überschaubare Reaktion angesichts der Schwere der Zahlen, wie ich finde.

Warum die Reaktion so verhalten blieb

Der Grund liegt in der Gegenrechnung, die Valneva selbst vorlegt. Das Unternehmen bestätigte trotz der schwachen ersten Jahreshälfte seine Jahresprognose: Produktumsätze zwischen 135 und 150 Millionen Euro, Gesamterlöse zwischen 145 und 160 Millionen Euro. Das ist eine Wette auf ein starkes zweites Halbjahr – und eine Wette, die Anleger derzeit mitzugehen scheinen, sonst wäre der Kursverlust deutlicher ausgefallen.

Zugleich hat Valneva die Barmittel im Griff. Die Kassenposition stieg zum 30. Juni auf 121,5 Millionen Euro, von 109,7 Millionen Euro zum Jahresende, gestützt durch einen Nettoerlös von 34,3 Millionen Euro aus einer Kapitalerhöhung im April. Das globale Restrukturierungsprogramm, das Valneva am 13. August bestätigte, soll genau hier ansetzen: Stellenabbau und die Bündelung sämtlicher Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in Wien sollen den Cash-Verbrauch senken.

Für mich ist das der eigentliche Kern der Geschichte – nicht die roten Zahlen selbst, sondern die Frage, ob das Management den Brand rechtzeitig eindämmt, bevor die Substanz aufgezehrt ist.

Die Pipeline als Gegenpol zur Bilanz

Was die Investorengeschichte trägt, ist nicht das laufende Geschäft, sondern die Pipeline. Der Lyme-Impfstoffkandidat PF-07307405, gemeinsam mit Pfizer entwickelt, erhielt vor rund zwei Wochen positive Phase-3-Daten – seither hat die Aktie allerdings 8,9 Prozent verloren, ein Hinweis darauf, dass der Markt hier bereits einen Großteil der guten Nachricht eingepreist hatte.

Der nächste formale Schritt folgte dann gestern: Die europäische Arzneimittelbehörde EMA validierte den Zulassungsantrag und leitete damit offiziell die wissenschaftliche Prüfung ein.

Parallel dazu treibt Valneva zusammen mit LimmaTech Biologics die Shigella-Impfstoffkandidatin S4V2 voran. Am 19. August wurde der erste Teilnehmer einer Phase-2-Sicherheitsstudie an Säuglingen geimpft, Ergebnisse aus der begleitenden Phase-2b-Humanchallenge-Studie werden für das dritte Quartal 2026 erwartet. Für mich ist das der eigentliche Katalysator der kommenden Wochen – nicht die Bilanz, die ohnehin bekannt ist.

Auch im Bestandsgeschäft gibt es Silberstreifen: Für den Japanische-Enzephalitis-Impfstoff IXIARO erwartet Valneva in den kommenden Monaten einen neuen Liefervertrag mit dem US-Verteidigungsministerium, mit Umsatzverbuchung ab der zweiten Jahreshälfte 2026.

Mein Fazit

Unterm Strich sehe ich bei Valneva ein Unternehmen, das seine Kostenbasis schmerzhaft, aber konsequent an die Realität anpasst, während die Pipeline mit Lyme und Shigella zwei potenzielle Werttreiber liefert, die weit über das laufende Geschäftsjahr hinausreichen.

Die Kursentwicklung der vergangenen zwölf Monate – ein Minus von 27 Prozent – zeigt, wie skeptisch der Markt die Story bislang beurteilt hat. Die Erholung von rund 27 Prozent auf 30-Tage-Sicht spricht dafür, dass sich diese Skepsis zumindest kurzfristig etwas gelegt hat.

Ob daraus mehr wird, dürfte sich an den Shigella-Daten im dritten Quartal entscheiden – für mich der eigentliche Prüfstein, nicht die Bilanz von letzter Woche.