Die Probleme bei der Tochtermarke Audi ziehen den gesamten Volkswagen-Konzern tiefer in die Krise. Am 27. Juli kappte Audi ihre Jahresprognose für 2026 deutlich: Statt der im April in Aussicht gestellten Erlöse rechnet die Marke nun nur noch mit 58 bis 63 Milliarden Euro – fünf Milliarden Euro weniger. Auch die operative Rendite dürfte mit fünf bis sieben Prozent rund einen Prozentpunkt niedriger ausfallen als bislang geplant. Grund war ein schwaches zweites Quartal: Der Gewinn nach Steuern brach um rund 21 Prozent auf 563 Millionen Euro ein.
Neckarsulm im Zentrum des Sparkurses
Besonders hart trifft es das Audi-Werk Neckarsulm. Laut einem Bericht des Handelsblatts vom 29. Juli plant die Marke, die Produktionskapazität am Standort von derzeit 225.000 auf künftig 150.000 Fahrzeuge pro Jahr zu senken – gegenüber dem Niveau von 2019 wäre das exakt eine Halbierung der Werkskapazität. Der Unmut unter der Belegschaft ist entsprechend groß: Anfang August demonstrierten rund 6.000 Beschäftigte vor Tor 6 des Werks gegen eine drohende Schließung. Betriebsrat und IG Metall hatten zu der Kundgebung aufgerufen, nachdem am Standort mit seinen 15.000 Mitarbeitern eine mögliche Stilllegung im Raum steht.
Aufsichtsrat vertagt Entscheidung
Der Konflikt reicht bis in die Konzernspitze. VW-Konzernchef Oliver Blume hatte dem Aufsichtsrat am 9. Juli Sparpläne vorgelegt, die 55.000 bis 70.000 Stellen kosten und vier Werke schließen könnten – neben Neckarsulm stehen auch die Standorte Zwickau, Emden und Hannover auf der Liste. Der Aufsichtsrat lehnte das Paket mit sieben zu fünf Stimmen ab. Eine endgültige Weichenstellung bleibt damit offen: Am 4. September tagt der VW-Aufsichtsrat erneut, Mitte September folgt eine weitere Sitzung bei Audi zu den Sparplänen.
Auf Konzernebene hatte Volkswagen bereits bei den Halbjahreszahlen am 24. Juli die Umsatzprognose für 2026 gesenkt: Statt eines Wachstums zwischen null und drei Prozent erwartet der Konzern nun einen Rückgang von bis zu drei Prozent oder bestenfalls Stagnation. Die Prognose für die operative Umsatzrendite blieb dagegen bei 4 bis 5,5 Prozent unverändert. Zusätzliche Unruhe brachte eine Anklage der US-Justiz gegen zwei frühere VW-Ingenieure wegen Insiderhandels im Zusammenhang mit dem geplanten Joint Venture mit Rivian – ein VW-Sprecher stellte klar, dass sich die Vorwürfe gegen einzelne Personen richten und nicht gegen das Unternehmen. Als Hintergrundrauschen kommt hinzu, dass laut einem Bericht der Financial Times der chinesische Autobauer Xpeng mit Volkswagen über den Kauf eines europäischen Werks verhandelt.
Kursziel gesenkt, Zweifel am Index-Verbleib
Die Privatbank Berenberg reagierte auf die Zahlen zum zweiten Quartal mit einer Kürzung ihres Kursziels von 113 auf 100 Euro, beließ die Einstufung aber bei „Buy“. Analyst Romain Gourvil bezeichnete den freien Barmittelzufluss als solide, verwies aber darauf, dass der Autobauer in China weiterhin vor Herausforderungen stehe. Zusätzliche Belastung für die Aktie bringt ein Bericht vom 31. Juli, wonach JPMorgan Volkswagen und BMW als Kandidaten für einen möglichen Ausschluss aus dem EuroStoxx-Index einstuft, während E.ON von einer Aufnahme profitieren könnte. Auch der Wettbewerber BMW hat zuletzt einen Stellenabbau von 8.000 Stellen im Rahmen eines freiwilligen Programms angekündigt – ein Zeichen dafür, dass der Sparzwang die gesamte Branche erfasst hat.
An der Börse spiegelt sich die Unsicherheit deutlich wider: Die Volkswagen-Vorzugsaktie notiert aktuell bei 75,64 Euro und gibt am heutigen Handelstag um 0,71 Prozent nach. Seit Jahresbeginn steht damit ein Kursverlust von 27,37 Prozent zu Buche. Solange die Standortfrage rund um Neckarsulm und die übrigen Werke ungeklärt bleibt, dürfte die Aktie unter Druck bleiben – die Entscheidungen im September werden zum nächsten wichtigen Prüfstein.
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