Vor anderthalb Jahren war Western Digital ein zyklischer Zulieferer für PC-Komponenten. Heute ist der Konzern ein zentraler Baustein der KI-Infrastruktur. Diese Wandlung ist keine Werbebotschaft, sondern messbar — an einer Auftragslage, die bis ins Jahr 2028 reicht.

Am 24. Februar 2025 hat sich Western Digital von seiner Flash-Sparte SanDisk getrennt. Zurück blieb ein reiner Hersteller von Festplatten für Rechenzentren. Genau dieser Schritt hat den Konzern in die richtige Position gebracht, als generative KI-Modelle einen historischen Datenhunger entwickelten.

Wenn die gesamte Jahresproduktion schon verkauft ist

CEO Irving Tan hat es kürzlich bestätigt: Die komplette Festplatten-Produktion für das Kalenderjahr 2026 ist bereits verkauft. Kein Rest, keine Reserve für kurzfristige Nachfrage. Hyperscaler wie die großen Cloud-Anbieter zeichnen inzwischen etwa 89 Prozent des Umsatzes verantwortlich — und sie sichern sich Kapazität nicht mehr quartalsweise, sondern über mehrjährige Lieferverträge bis 2028 und darüber hinaus.

Aus einem austauschbaren Zulieferer ist ein strategischer Partner geworden. Das ist der Kern der Geschichte, und er erklärt, warum die Aktie sich in den vergangenen zwölf Monaten verachtfacht hat.

Die Zahlen dazu sind extrem: Ein Plus von 728 Prozent binnen eines Jahres, seit Jahresbeginn steht ein Gewinn von rund 217 Prozent zu Buche. Wer vor einem Jahr beim 52-Wochen-Tief von 58,61 Euro eingestiegen ist, sitzt heute auf einem Vielfachen seines Einsatzes.

Die Korrektur als Kehrseite der Euphorie

Ein derartiger Kursverlauf produziert zwangsläufig Nervosität. Western Digital schloss am Mittwoch bei 487,65 Euro — knapp 30 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 696,30 Euro, das erst im Juni erreicht wurde. Der RSI auf 14-Tage-Basis liegt bei neutralen 50,1 Punkten.

Das klingt nach Beruhigung nach einer überhitzten Phase. Ganz so einfach ist es nicht: Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 110 Prozent. Wer diese Aktie hält, muss mit Tagesschwankungen im zweistelligen Bereich leben — das ist keine Nebensache, sondern der Preis für die Beteiligung an einem Wachstumsmarkt, der noch keine stabile Bewertungslogik gefunden hat.

Zuletzt sorgten Konsolidierungsgerüchte aus dem NAND-Flash-Sektor für Bewegung. Im Gespräch ist ein möglicher Zusammenschluss der Restbeteiligungen von SanDisk und Kioxia. Solche Spekulationen erklären, warum der Kurs binnen sieben Tagen um fast 20 Prozent schwankte, obwohl sich am operativen Geschäft nichts Grundlegendes geändert hat.

100 Terabyte als nächste Etappe

Technologisch bleibt die Richtung klar: mehr Speicherdichte, größere Kapazität pro Laufwerk. Western Digital qualifiziert derzeit 40-Terabyte-Festplatten mit UltraSMR-Technologie. Die Roadmap zielt auf über 100 Terabyte mittels HAMR-Verfahren (Heat-Assisted Magnetic Recording).

Diese Entwicklung trifft einen wachsenden Bedarf. KI-Systeme verlagern sich zunehmend von der Trainingsphase in die Inferenzphase — und genau dort entsteht Datenvolumen, das langfristig gespeichert werden muss. Branchenschätzungen gehen von einer jährlichen Wachstumsrate von über 25 Prozent für diesen Speicherbedarf aus.

Mit einer Marktkapitalisierung von 147 Milliarden Euro und einem Analysten-Konsenskursziel von 555,37 Euro ist Western Digital kein Geheimtipp mehr. Der Konzern hat sich einen festen Platz im KI-Datenzyklus erarbeitet.

Die eigentliche Herausforderung für Western Digital dürfte in den kommenden Jahren nicht lauten, Käufer zu finden. Sie dürfte lauten, genug Kapazität zu bauen, um die bestehende Nachfrage überhaupt zu bedienen.