Zwei Wochen Ausverkauf, dann die Kehrtwende. Western Digital schließt am Montag bei 505,20 Euro und legt damit kräftig zu, bleibt aber auf Wochensicht noch 9,61 Prozent im Minus. Der Grund für den Umschwung: Eine Welle optimistischer Kurszielanhebungen trifft auf eine einsame Warnung von Goldman Sachs.
Analysten überbieten sich mit Kurszielen
Cantor Fitzgerald hebt sein Kursziel am 29. Juni von 660 auf 900 US-Dollar an. Am selben Tag startet Melius Research die Coverage mit einer Kaufempfehlung und einem Street-Höchstwert von 1.050 US-Dollar. BofA-Analyst Wamsi Mohan zieht nach und erhöht sein Ziel von 610 auf 732 US-Dollar, ebenfalls mit Kaufempfehlung.
Am auffälligsten ist der Vorstoß von Melius-Analyst Ben Reitzes. Er bewertet den jüngsten Kursrutsch als Kaufgelegenheit. Sowohl Western Digital als auch Rivale Seagate liegen mehr als 20 Prozent unter ihren jüngsten Höchstständen, so seine Argumentation — für Anleger mit Vertrauen in die KI-Infrastruktur ein günstiger Einstiegspunkt.
Die bullische These stützt sich nicht allein auf den KI-Hype. Sie basiert auf der Kostenstruktur klassischer Festplatten. Der Finanzchef des Unternehmens beziffert die zusätzliche Bruttomarge im Jahresvergleich auf 70 bis 75 Prozent. Der Preis pro Terabyte steigt, die Kosten pro Terabyte fallen — diese Schere treibt die Marge.
Cantor-Analyst C.J. Muse verweist zusätzlich auf die Kursentwicklung: Trotz des jüngsten Rückgangs steht die Aktie seit Jahresbeginn 215 Prozent im Plus, angetrieben von der KI-Nachfrage nach Hochkapazitäts-Festplatten. Reitzes hält sogar noch höhere Margen für möglich — verglichen mit Speicherchip-Werten wie Micron und SanDisk sieht er bei Festplattenherstellern mehr Luft nach oben.
Nicht alle sind überzeugt
Einstimmig ist das Bild nicht. Goldman Sachs bestätigt am Montag eine Halten-Einstufung und bringt damit einen Dämpfer in die sonst einseitige Aufwärtsstory. Bereits am 26. Juni hatte Fox Advisors die Aktie auf Equal-Weight zurückgestuft. Die Begründung: Die Preiserwartungen für Festplatten seien der tatsächlichen Marktentwicklung vorausgeeilt. Die Reaktion damals war deutlich — die Aktie verlor an diesem Handelstag 13,2 Prozent.
Auch der Bewertungsvergleich mit der Konkurrenz liefert Diskussionsstoff. Western Digital handelt zum rund 28-fachen erwarteten EV/EBITDA. Rivale Seagate kommt auf das 31-fache, Dell Technologies dagegen nur auf das 15-fache. Im eigenen Wettbewerbsumfeld ist Western Digital damit nicht der teuerste Titel.
Ein wilder Kursverlauf
Die jüngste Handelsspanne zeigt, wie nervös der KI-Speicher-Trade mittlerweile gehandelt wird. Nach einem Rückgang aus dem Bereich um 700 US-Dollar Ende Juni pendelten die Schlusskurse zuletzt zwischen etwa 539 und 639 US-Dollar. Dieser Rutsch fiel mit einer generellen Tech-Schwäche zusammen, nicht mit einem unternehmensspezifischen Problem.
Die Schwankungsbreite bleibt hoch: Die Aktie notiert aktuell 27,45 Prozent unter ihrem Zwölf-Monats-Hoch von 696,30 Euro vom 18. Juni, hat auf 30-Tage-Sicht aber dennoch 10,58 Prozent zugelegt. Zum 200-Tage-Durchschnitt beträgt der Abstand fast 97 Prozent — ein Zeichen dafür, wie stark der langfristige Aufwärtstrend trotz der jüngsten Turbulenzen intakt bleibt.
Hinter den Kursschwankungen steht ein Geschäft, das operativ überzeugt. Im jüngsten Quartal meldet Western Digital einen Umsatz von 3,34 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 45 Prozent zum Vorjahr. Die GAAP-Bruttomarge liegt bei 50,2 Prozent, die bereinigte Marge bei 50,5 Prozent.
Das operative Ergebnis erreicht auf bereinigter Basis 1.287 Millionen US-Dollar, die operative Marge klettert um 1.260 Basispunkte auf 38,6 Prozent. Nach GAAP steht ein operatives Ergebnis von 1.190 Millionen US-Dollar bei einer Marge von 35,7 Prozent zu Buche. Das Management verweist darauf, dass Umsatzwachstum in allen Endmärkten zulegt.
Die Entscheidung fällt am 29. Juli
Der Streit zwischen Optimisten und Skeptikern hat einen klaren Termin. Am 29. Juli meldet Western Digital die Zahlen für das vierte Quartal des Geschäftsjahres 2026. Entscheidend wird dabei die Hochlaufkurve der neuen 40-Terabyte-ePMR-Technologie sein, kombiniert mit der Bruttomarge.
Das Unternehmen selbst hat für dieses Quartal eine bereinigte Bruttomarge zwischen 51 und 52 Prozent in Aussicht gestellt. Hält sich diese Marge bei planmäßigen Auslieferungen, bestätigt das die Preisspanne, für die Melius und Cantor derzeit zahlen. Rutscht die Qualifizierung neuer Produkte ab oder äußern sich Großkunden zurückhaltender, gewinnt die Abstufungsthese von Fox Advisors an Gewicht.
Bis dahin bleibt die Aktie ein Spannungsfeld zwischen einer Wall Street, die ihre Kursziele stetig anhebt, und einem Chart, der bereits eine der schärfsten Rallyes und Korrekturen des Jahres hinter sich hat. Über zwölf Monate steht ein Plus von 807,82 Prozent zu Buche — der Quartalsbericht Ende Juli dürfte zeigen, welche Seite den Speicherzyklus richtig gelesen hat.
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