Ein Bericht über gigantische Finanzierungszusagen von Nvidia an OpenAI hat diese Woche alte Ängste neu belebt. Wird der KI-Boom durch echte Nachfrage getragen — oder durch Kredite der Anbieter selbst? Microsoft lieferte fast zeitgleich Zahlen, die genau das Gegenteil beweisen sollten.

Nvidia, Microsoft, Tesla, ServiceNow und SoftBank zeigen diese Woche, wie unterschiedlich der Markt den KI-Kapitalaufbau der vergangenen Jahre inzwischen bewertet. Während einer mit Rekordzahlen glänzt, kämpft der Nächste mit einbrechenden Margen. Ein dritter braucht eine Partnerschaftsmeldung, um einen Kursrutsch zu stoppen.

Nvidia: Vendor-Financing-Sorgen treffen auf Ökosystem-Strategie

Nvidia verhandelt Berichten zufolge über Finanzierungsgarantien von rund 250 Milliarden Dollar für ein Rechenzentrumsprojekt von OpenAI in Ohio. Der Chiphersteller soll damit indirekt helfen, ein 10-Gigawatt-Projekt zu stemmen, das eine Energietochter von SoftBank entwickelt. Im Gegenzug sichert sich Nvidia über Jahre hinweg Nachfrage nach seinen Chips.

Das Gesamtprojekt soll mehr als 500 Milliarden Dollar kosten, inklusive der verbauten Hardware. Zusätzlich soll Nvidia über eine Finanzierung von OpenAIs Chipkäufen im Umfang von bis zu 350 Milliarden Dollar verhandeln.

Der Markt reagierte nervös. Nvidia-Aktien fielen nach Bekanntwerden der Meldung deutlich, AMD traf es noch härter. Analysten sind sich uneinig: Manche sehen darin eine Verlängerung des Investitionszyklus in KI-Infrastruktur, die die GPU-Nachfrage langfristig stützt. Auch die Politik mischt mit — US-Handelsminister Howard Lutnick soll an Entscheidungen beteiligt sein, welche Unternehmen Zugang zur Kapazität des Ohio-Standorts erhalten.

Fundamental bleibt das Bild stark. Der Umsatz stieg im jüngsten Quartal um 85,2 Prozent auf 81,62 Milliarden Dollar und übertraf die Erwartungen von 78,42 Milliarden Dollar deutlich. Die Aktie selbst zeigt sich nach dem jüngsten Kursrutsch angeschlagen: Gestern ging es um 4,08 Prozent nach unten, binnen sieben Tagen verlor das Papier 9,43 Prozent. Der RSI von 37,8 deutet auf eine überverkaufte Lage hin, während der Titel mit 166,16 Euro nur noch knapp über dem 200-Tage-Durchschnitt notiert. Die nächsten Quartalszahlen werden für Ende August erwartet.

Microsoft: Rekordjahr bringt Capex-Skeptiker zum Schweigen

Microsoft lieferte in dieser Woche die klarste Erfolgsgeschichte des Sektors. Der Konzern meldete ein Rekord-Geschäftsjahr: Der Umsatz im vierten Quartal stieg um 18 Prozent auf 90 Milliarden Dollar, der Jahresumsatz übertraf 331 Milliarden Dollar. Das operative Ergebnis kletterte auf über 155 Milliarden Dollar.

Treiber war einmal mehr Azure. Das Segment Intelligent Cloud wuchs um 31,6 Prozent auf 39,31 Milliarden Dollar, während sich das Azure-Wachstum bei konstanten Wechselkursen auf 43 Prozent beschleunigte — mehr als die von Analysten erwarteten 40 Prozent. Erstmals überstieg der Azure-Jahresumsatz die Marke von 100 Milliarden Dollar.

Auch beim Gewinn lieferte Microsoft ab: Das bereinigte Ergebnis je Aktie von 4,74 Dollar übertraf die Konsensschätzung von 4,24 Dollar klar. Die Nutzerzahlen der KI-Werkzeuge wachsen rasant, Microsoft 365 Copilot zählt inzwischen über 30 Millionen zahlende Nutzer. Für das kommende Geschäftsjahr plant der Konzern Investitionen von rund 175 Milliarden Dollar — die Ausgabenfreude soll also anhalten.

An der Börse kam das nur bedingt an. Die Aktie gab gestern um 1,30 Prozent nach und notiert bei 341,00 Euro, bleibt aber über den vergangenen sieben Tagen mit plus 1,70 Prozent im grünen Bereich. Seit Jahresbeginn liegt der Titel dennoch mit 17,46 Prozent im Minus — ein Hinweis darauf, dass operative Stärke allein die Bewertungssorgen im Sektor nicht auflöst.

Tesla: Rekordumsatz trifft auf Rekord-Skepsis

Tesla zeigt die Kehrseite des KI-Investitionsbooms besonders deutlich. Der Umsatz kletterte im zweiten Quartal um 26 Prozent auf 28,24 Milliarden Dollar und übertraf die Erwartungen der Wall Street. Beim Gewinn jedoch verfehlte der Autobauer die Prognosen deutlich: Das bereinigte Ergebnis je Aktie lag bei nur 0,33 Dollar, ein Fünftel unter dem Vorjahreswert.

Die Reaktion fiel heftig aus. Die Aktie brach am Berichtstag um mehr als 12 Prozent ein, mehr als 140 Milliarden Dollar Marktwert verschwanden binnen eines Handelstags. Das operative Ergebnis sackte um 57 Prozent ab, die Marge kollabierte von 4,1 auf 1,4 Prozent. Erstmals seit Jahren rutschte der freie Cashflow ins Minus, während die Investitionsausgaben um 142 Prozent nach oben schossen.

Der Kurs bleibt seither unter Druck. Gestern verlor die Aktie weitere 3,45 Prozent auf 260,50 Euro und liegt damit nur hauchdünn über ihrem 52-Wochen-Tief. Der RSI von 24,9 signalisiert eine deutlich überverkaufte Situation, die Volatilität von über 63 Prozent zeigt die Nervosität der Anleger. Trotzdem treibt Tesla den Ausbau seiner Batterie- und KI-Infrastruktur weiter voran, unter anderem mit einer weiteren Viertelmilliarde Dollar für die Zellproduktion in Berlin. Die Konsensbewertung der Analysten bleibt trotz gesenkter Kursziele bei „Halten“ — ein Verkaufsdruck von breiter Front bleibt bislang aus.

ServiceNow: TeamViewer-Deal rettet die Stimmung

Bei ServiceNow dominierte diese Woche eine Partnerschaft die Schlagzeilen. Gemeinsam mit TeamViewer wurde eine strategische Kooperation angekündigt, bei der Lösungen für digitale Mitarbeitererfahrung und Fernwartung in die ServiceNow-KI-Plattform integriert werden. Beide Seiten kündigten gemeinsame Investitionen an, um autonome IT-Lösungen aus einer Hand anzubieten.

Der Markt reagierte prompt: Die Aktie zog nach der Ankündigung deutlich an, nachdem sie zuvor infolge der Quartalszahlen spürbar nachgegeben hatte. Gestern legte der Titel um 3,97 Prozent zu und schloss bei 101,00 Euro — binnen sieben Tagen ergibt das ein Plus von satten 25 Prozent.

Dabei war das zugrunde liegende Quartal ohnehin solide. Das bereinigte Ergebnis je Aktie von 90 Cent übertraf die Schätzung von 85 Cent, der Umsatz kletterte auf 3,99 Milliarden Dollar. Das jährliche Auftragsvolumen im KI-Geschäft überstieg erstmals die Milliardengrenze und nähert sich dem Jahresziel von 1,5 Milliarden Dollar. Das Management hob die Umsatzprognose für das laufende Jahr leicht an.

Bei der Bewertung gehen die Meinungen jedoch auseinander. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 61 liegt die Aktie deutlich über dem Branchenschnitt der Softwarebranche von etwa 28 — ein Aufschlag, der nur bei anhaltendem Wachstumstempo zu rechtfertigen ist.

SoftBank: Robotik-Wetten treiben eine volatile Aktie

SoftBank baut sein Engagement in der sogenannten „Physical AI“ weiter aus, während der Kurs stark schwankt. Der japanische Konzern prüft die Übernahme des Zürcher Startups Gravis Robotics, das Software für autonom arbeitende Erdbaumaschinen entwickelt. Die Beteiligung könnte in Roze eingebracht werden, einer neuen Robotik- und KI-Gesellschaft, die SoftBank gerade aufbaut.

Bereits rund 20 Robotik-Beteiligungen wurden in eine Holding überführt, außerdem wurde die milliardenschwere Übernahme des Industrierobotik-Geschäfts von ABB abgeschlossen. Die Finanzierung dafür steht mittlerweile: Ein Bankenkonsortium hat ein Kreditpaket über umgerechnet 1,75 Milliarden Dollar arrangiert, allerdings zu vergleichsweise hohen Konditionen am oberen Ende der ursprünglichen Preisspanne.

Konzernchef Masayoshi Son bleibt trotz der Kursturbulenzen optimistisch. Anfang des Monats prognostizierte er, dass die jährlichen KI-Investitionen weltweit bis 2040 auf 5 Billionen Dollar steigen könnten, und wies Blasen-Sorgen als „absurd“ zurück. Die Beteiligung an OpenAI soll bis 2026 einen Wert von über 60 Milliarden Dollar erreichen.

An der Börse kommt davon wenig an. Die Aktie brach gestern um 11,07 Prozent ein, binnen sieben Tagen summiert sich das Minus auf über 21 Prozent. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 6,56 wirkt der Titel günstig — die schwache Finanzkraft-Bewertung von nur 3 von 10 Punkten liefert allerdings eine plausible Erklärung für den Bewertungsabschlag.

Sektordynamik: Drei Lager, ein Kapitalzyklus

Die vergangene Woche hat die KI-Aktien in drei Lager gespalten:

  • Die Gewinner: Microsoft liefert mit Rekordumsatz und beschleunigtem Azure-Wachstum den Beweis, dass sich KI-Investitionen in echten Erlösen niederschlagen. ServiceNow zeigt auf kleinerer Skala ein ähnliches Muster, auch wenn hier erst eine Partnerschaftsmeldung den Stimmungsumschwung brachte.
  • Die Zweifelsfälle: Nvidia bleibt bei der Chipnachfrage nach nahezu jeder Kennzahl stark, doch das Ausmaß der kolportierten OpenAI-Finanzierung weckt die älteste Furcht der Branche — dass Anbieterkredite einen Nachfragezyklus künstlich am Leben halten. Tesla kämpft mit einer eigenen Version desselben Problems: Rekordumsätze wurden von einbrechenden Margen und einem seltenen Quartal mit negativem freiem Cashflow überschattet.
  • Der Sonderfall: SoftBank verhält sich weniger wie ein klassischer Betreiber und mehr wie ein gehebelter Stellvertreter für die gesamte KI-Stimmung — über seine Beteiligungen an Arm und OpenAI sowie das wachsende Robotik-Portfolio.

Ausblick: Worauf Anleger jetzt achten sollten

Ob der Markt Nvidias mutmaßliche OpenAI-Finanzierung als klugen Ökosystemaufbau oder als riskante Kreditvergabe an den eigenen Kunden einstuft, dürfte sich erst mit den Quartalszahlen Ende August klären. Bei Microsoft bleibt entscheidend, ob sich das Azure-Wachstum von über 40 Prozent halten lässt, während die Investitionen im kommenden Geschäftsjahr weiter steigen sollen. Tesla muss zeigen, ob die Margen wieder anziehen, sobald zusätzliche Batterie- und Optimus-Kapazitäten ans Netz gehen. ServiceNow steht vor der Aufgabe, das Momentum im KI-Auftragsgeschäft und neue Partnerschaften wie mit TeamViewer in nachhaltiges Umsatzwachstum zu übersetzen, das die hohe Bewertung rechtfertigt. SoftBank bleibt derweil eng an das Schicksal seiner OpenAI- und Arm-Beteiligungen gekoppelt — und an das Ausführungsrisiko seiner wachsenden Robotik-Ambitionen unter dem geplanten Roze-Projekt.