Liebe Leserinnen und Leser,
51,6 Milliarden Dollar. So viel Kapital wurde am Freitag allein durch Hebel-ETF-Rebalancing durch den Markt geschleust — über 23 Milliarden davon in Halbleiterwerten. Nomura-Analyst Charlie McElligott hat die Zahl beziffert, und sie erklärt, warum der Freitags-Crash im Philadelphia Semiconductor Index (minus zehn Prozent) weniger über die Fundamentaldaten der Chipbranche aussagt als über die Mechanik passiver Finanzprodukte. Am Montag kommt die Gegenbewegung — heftig, breit und mit konkreten Trades, die sich lohnen zu sortieren.
Chip-Rebound: Mechanik trifft auf echte Aufträge
Micron Technology führt die Erholung mit rund zehn bis elf Prozent Plus an — nach minus 13 Prozent am Freitag. Intel springt sogar um 12 bis 13 Prozent, und hier steckt mehr dahinter als ein technischer Bounce: Google hat Intel beauftragt, drei Millionen Tensor Processing Units herzustellen, mit einer Perspektive auf über sechs Millionen TPUs bis 2027/2028. Das ist ein konkreter Fertigungsauftrag, keine Absichtserklärung. AMD legt rund fünf Prozent zu, Nvidia drei Prozent — gestützt durch eine mehrjährige Partnerschaft mit SK Hynix für KI-Speicherchips.
Wells Fargo hat das Kursziel für Micron auf 1.220 Dollar angehoben. Wer Mean-Reversion-Setups sucht: Der nächste Quartalsbericht am 24. Juni mit einer Gewinnerwartung von 19,33 Dollar je Aktie bei 33,9 Milliarden Dollar Umsatz wird zeigen, ob die Bewertung hält.
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Im DAX profitiert Infineon mit rund 5,7 Prozent Plus am deutlichsten. AIXTRON springt im MDAX um 9,1 Prozent, Siltronic im SDAX um 9,2 Prozent. Das sind keine isolierten Bewegungen — wer den Freitag als fundamentales Signal gelesen hat, wird am Montag eines Besseren belehrt.
Rheinmetall: 73 Milliarden Auftragsbestand, KGV unter 32
Am Wochenende hatte ich Rheinmetall als überverkauftes Setup mit definiertem Stopp am Mai-Tief beschrieben. Am Montag notiert die Aktie bei rund 1.200 bis 1.220 Euro — weiterhin über 40 Prozent unter dem Hoch von 2.008 Euro. Die Frage bleibt: Wann schließt sich die Schere zwischen Chart und Fundamentaldaten?
Die Nachrichtenlage liefert Material. Der Verkauf der Automobilsparte (Pierburg, Kolbenschmidt, Motorservice) an die Münchner Industrieholding Aequita für 350 Millionen Euro soll im vierten Quartal abgeschlossen werden. Bei rund zwei Milliarden Euro Spartenumsatz und 6.250 Mitarbeitern wirkt der Preis mager — aber er befreit Rheinmetall endgültig für den reinen Rüstungsfokus.
Die Auftragsbücher stehen bei 73 Milliarden Euro per Ende erstem Quartal. Dazu kommen eine Großbestellung aus Rumänien über 5,7 Milliarden Euro (298 Lynx-Fahrzeuge, Skyranger, Munition, vier Marineschiffe) und ein Bundeswehr-Auftrag über 1,01 Milliarden Euro für 2.000 Militärlastwagen. Für das zweite Quartal werden rund 300 Millionen Euro Umsatz aus Q1 nachgeholt, erstmals kommt der volle Quartalsbeitrag des Marinegeschäfts hinzu.
Analysten erwarten für 2026 einen Gewinn von 38,09 Euro je Aktie. Beim aktuellen Kurs liegt das KGV unter 32. Die Q2-Zahlen am 6. August werden der nächste Prüfstein.
Chemie und Industrie: Goldman drückt, die Auftragslage bestätigt
Lanxess verliert am Montag rund sieben Prozent nach einer pessimistischen Goldman-Sachs-Studie, die auch BASF (minus 3,3 Prozent) und Evonik unter Druck setzt. Die Makrodaten geben Goldman recht: Das Statistische Bundesamt meldete am Montag einen Einbruch der deutschen Industrieaufträge im April um 3,8 Prozent gegenüber dem Vormonat — doppelt so stark wie die von Reuters-Ökonomen erwarteten zwei Prozent. Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer spricht von einem Niveau „tief im Rezessionsbereich“.
Die Detailzahlen sind brutal: Elektrische Ausrüstung minus 16,3 Prozent, Maschinenbau minus 7,4 Prozent, Automobil minus 5,3 Prozent. Wer Chemie-Positionen hält, braucht für eine Erholung entweder fallende Energiekosten (Brent steht bei rund 94 Dollar) oder anziehende Industrieproduktion. Beides ist kurzfristig nicht in Sicht.
Immobilien: Vonovia unter 20 Euro, EZB erhöht am Donnerstag
Vonovia fällt am Montag unter die 20-Euro-Marke — erstmals seit Ende Oktober 2023. Aroundtown, TAG Immobilien, LEG und Grand City Properties verlieren zwischen 1,9 und vier Prozent. Der Auslöser: Die EZB-Sitzung am Donnerstag gilt laut Christian Nolting von der Deutschen Bank als „so gut wie sicher“ für eine Zinserhöhung auf 2,25 Prozent. Der Markt preist bis Oktober bis zu drei weitere Erhöhungen ein.
Wer auf eine Zinswende nach unten gesetzt hatte, muss die Zeitplanung korrigieren. Auch Goldman Sachs erwartet für die USA keine Fed-Zinssenkungen mehr in 2026 und rechnet stattdessen mit einer Erhöhung um 25 Basispunkte bis Jahresende. Für Immobilienwerte heißt das: Der Druck bleibt, und das Argument „die Zinsen drehen bald“ ist vorerst vom Tisch.
Die Woche: CPI, EZB, SpaceX
Drei Termine bestimmen die nächsten Tage. Am Mittwoch kommen die US-Inflationsdaten für Mai — der Konsens liegt bei 4,2 Prozent nach 3,8 Prozent im April. Liegt die Zahl darüber, dürfte der Chip-Rebound schnell wieder unter Druck geraten. Liegt sie darunter, öffnet sich Raum für Tech und Bitcoin Richtung 65.000 Dollar.
Am Donnerstag entscheidet die EZB. Am Freitag steht das SpaceX-IPO an, bewertet mit bis zu 1,8 Billionen Dollar — ein Liquiditätsereignis, das Kapital aus anderen Wachstumstiteln abziehen könnte.
Während der Markt kurzfristig zwischen CPI-Daten und EZB-Entscheid taumelt, positionieren sich erfahrene Anleger bereits für den nächsten strukturellen Rückenwind: Europas Rüstungs- und Energiesicherheitsprogramm mit Milliardenpotenzial. Welche Unternehmen von Wasserstoff bis Verteidigungstechnologie am stärksten profitieren könnten, zeigt dieser kostenlose Report. Gratis-Report „Verteidigung neu gedacht“ jetzt sichern
Die Lehre dieses Montags: Der Freitags-Crash war zu großen Teilen ein mechanisches Ereignis, kein fundamentaler Regimewechsel. Aber die Erholung allein macht noch keinen Boden. Wer die Chip-Trades mitnimmt, sollte den 24. Juni (Micron-Zahlen) und die CPI-Daten am Mittwoch als harte Stopps im Kalender haben. Positionsgrößen klein halten, Stopps definieren — und die Woche Tag für Tag bewerten.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer
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