Liebe Traderinnen und Trader,
die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen steht so hoch wie seit 2002 nicht mehr. Mit bis zu 5,36 Prozent und einer 30-jährigen Rendite von über 5,7 Prozent beendet der Anleihemarkt den gestrigen Rekordlauf des S&P 500 binnen eines Tages. In Frankfurt trifft es die zwei Gruppen, die zuletzt am meisten Kapital angezogen haben: Banken und Chipwerte. Im Kryptomarkt werden gehebelte Käufer in dreistelliger Millionenhöhe aus dem Markt gespült.
Deutsche Bank: Der Frankreich-Spread kostet 4,5 Prozent
Für Bankaktionäre kippt die Zinsrechnung, sobald steigende Renditen aus Schuldensorgen kommen. Der STOXX Europe Banks Index fällt um 3,5 Prozent, nachdem UniCredit am Dienstag noch den EuroStoxx angeführt hatte. Societe Generale, Deutsche Bank, UniCredit und Intesa Sanpaolo verlieren jeweils über 4 Prozent.
Der Auslöser sitzt in Paris: Der Renditeaufschlag französischer Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen weitet sich um 11 Basispunkte auf 139,5 Basispunkte aus. Notenbankchef Moulin spricht offen von einer „Risikozone“ beim Defizit, Präsidentschaftskandidatin Le Pen hebt ihr Sparziel auf 140 Milliarden Euro an. Die Bundrendite klettert dabei auf rund 3,5 Prozent.
Die Deutsche Bank notiert im Verlauf bei knapp 30 Euro, rund 4,5 Prozent unter dem Vortag, bei der höchsten Umsatzaktivität im DAX. Innerhalb von 30 Tagen hat die Deutsche Bank damit 16 Prozent verloren; vom 52-Wochen-Hoch bei 35,84 Euro vom 8. September ist sie weit entfernt. Das Tagestief liegt bei 29,63 Euro.
Steigende Renditen helfen den Zinsmargen, aber wenn sie aus Schuldensorgen kommen, überwiegt das Risiko aus den Anleihebeständen. Genau diese Umdeutung spielt der Markt an diesem Mittwoch. Erst eine Stabilisierung des Frankreich-Spreads liefert ein Signal für einen Rebound; bis dahin ist die 30-Euro-Marke die Grenze zwischen Konsolidierung und Beschleunigung.
Infineon, Suss, Jenoptik: Der KI-Boom bekommt seine Zinsrechnung
Wer Chipwerte hält, bezahlt jetzt dafür, dass der KI-Ausbau auf Kredit läuft. Infineon ist der schwächste DAX-Wert und verliert im Verlauf knapp 5 Prozent auf gut 61 Euro, im Xetra-Handel waren es zeitweise über 6 Prozent. Im MDAX bricht Suss MicroTec um gut 9 Prozent ein, Jenoptik gibt rund 6 Prozent ab. In den USA fiel der Philadelphia-Halbleiterindex zum Start um 2,3 Prozent.
Die Logik dahinter: Die Hyperscaler finanzieren ihren Rechenzentrumsausbau zunehmend über Fremdkapital, 2026 haben sie bereits 48 Milliarden Dollar an Anleihen in europäischen Währungen begeben. SpaceX verhandelt laut Financial Times über 40 Milliarden Dollar Schulden, um Nvidia-Chips zu kaufen. Bei 5,3 Prozent Zehnjahresrendite wird aus Wachstum auf Kredit eine Bewertungsfrage.
Nvidia selbst hält sich bislang: Die Aktie notiert bei rund 212 Euro, praktisch unverändert und nur knapp unter dem gestrigen 52-Wochen-Hoch von 216,10 Euro. Für die Marke von 6 Billionen Dollar Börsenwert wären 248,48 Dollar je Aktie nötig.
Raymond James nennt ein Kursziel von 515 Dollar, Yorkville Ives startet mit „Outperform“ und 300 Dollar. Die eigentliche Trading-Frage lautet aber nicht, ob Nvidia die 6 Billionen schafft, sondern ob Infineon seine 60-Euro-Marke hält: Darunter wäre der gesamte Juni-Aufschwung vom Hoch bei 89,67 Euro charttechnisch gebrochen.
Wenn Hyperscaler ihren Rechenzentrumsausbau zunehmend über Anleihen finanzieren, stellt sich die Frage, welche Unternehmen den KI-Trend auch bei hohen Zinsen tragen. Der kostenlose Report „Megatrend KI“ nimmt die Top 10 der Big-Data-Aktien unter die Lupe und zeigt, wie Anleger gezielt in Künstliche Intelligenz investieren können. Report zu den zehn Big-Data-Werten herunterladen
Zweite Reihe: SGL Carbon dreht am Hoch, Redcare springt zweistellig
Abseits der großen Namen liefert der SDAX die saubereren Signale. Redcare Pharmacy legt um rund 10 Prozent auf 74,80 Euro zu und steht damit binnen 30 Tagen 28 Prozent höher. Das 52-Wochen-Hoch bei 90,05 Euro aus dem vergangenen Oktober rückt in Reichweite, ein Tagesschluss über 75 Euro würde den Trend bestätigen.
SGL Carbon markierte nach der gestrigen Prognoseerhöhung bei 5,67 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch, drehte dann aber nach unten und notiert bei 5,39 Euro leicht unter dem Vortag. Das ist ein klassischer Fehlausbruch: Wer am Hoch gekauft hat, sitzt im Minus, die 5,37 Euro vom Tagestief werden zur Entscheidungsmarke.
Die deutsche Industrie liefert dagegen einen überraschend positiven Datenpunkt: Die Produktion stieg im August um 2,0 Prozent zum Vormonat, erwartet war ein Plus von 0,5 Prozent.
Für die Autowerte reicht das nicht: Mercedes-Benz fällt nach dem China-Absatzeinbruch im dritten Quartal auf ein neues 52-Wochen-Tief bei 38,91 Euro. Die laut Bloomberg geplanten EU-Schutzmaßnahmen gegen chinesische Hybridautos stützen nur Volkswagen und die Porsche SE, die rund 3,6 Prozent gewinnt.
Krypto: Ether am 50-Tage-Schnitt, Winklevoss-ETF für Zcash, Evernorth verschiebt
Der Rücksetzer im Kryptomarkt ist eine Hebelbereinigung, kein Kapitalabfluss aus Bitcoin: Binnen 24 Stunden wurden je nach Datenanbieter zwischen 550 und knapp 700 Millionen Dollar an Positionen liquidiert, über 90 Prozent davon Wetten auf steigende Kurse.
Gleichzeitig flossen den US-Bitcoin-ETFs am Dienstag netto 119 Millionen Dollar zu, vor allem über Blackrocks IBIT. Bitcoin hält sich bei rund 83.400 Dollar, gut 2,5 Prozent im Minus. Fällt die 83.000er-Marke, liegt die nächste Unterstützung laut Apollo Crypto bei 78.000 Dollar.
Ethereum ist das schwächere Glied. Ether fällt um knapp 5 Prozent auf etwa 2.570 Dollar und testet den 50-Tage-Durchschnitt bei rund 2.546 Dollar. Die US-Ether-ETFs verzeichneten am Dienstag mit 202 Millionen Dollar den sechsten Abflusstag in Folge, zusammen rund 408 Millionen Dollar seit dem 29. September.
Die größte Einzelliquidation des Tages war eine ETH-Order über 26,64 Millionen Dollar auf Binance. Eine Long-Position des Großinvestors Machi Big Brother über 39.025 ETH im Wert von knapp 100 Millionen Dollar wird bei 2.501,38 Dollar zwangsaufgelöst. Diese Marke ist damit das nächste Kursziel der Bären.
Abseits des Ausverkaufs gibt es drei Nachrichten mit Substanz. Winklevoss Asset Services beantragt bei der SEC einen Spot-Zcash-ETF (Ticker WINK) mit 0,25 Prozent Gebühr und bis zu 100 Millionen Dollar Kaufinteresse der eigenen Kapitalgesellschaft.
Grayscales Zcash-ETF ist seit dem Start am 25. August von 304 auf fast 800 Millionen Dollar Vermögen gewachsen, Zcash liegt seit Jahresbeginn 150 Prozent vorn. Bei XRP verschiebt die Treasury-Gesellschaft Evernorth ihr Nasdaq-Debüt auf den 12. Oktober, die SPAC-Aktie fiel an einem Tag um 50 Prozent; XRP selbst verliert 4,5 Prozent auf 1,43 Dollar.
Solana gibt gut 3 Prozent auf rund 117 Dollar nach, obwohl JPMorgan den Start von „Solana DvP“ meldet. Die Börse OKX sammelt bei einer Bewertung von 25 Milliarden Dollar Kapital von Circle, Ripple und Standard Chartered ein.
Marschroute
Banken, Chips und Krypto hängen in diesen Tagen an derselben Variable: der Rendite. Heute um 20:00 Uhr MESZ kommt das Fed-Protokoll der September-Sitzung, der Leitzins steht bei 3,75 bis 4,00 Prozent. Der Markt preist für den 28. Oktober nur noch 21,6 Prozent Wahrscheinlichkeit für eine Anhebung, nach rund 50 Prozent vor einer Woche; für Dezember liegt die Quote deutlich höher.
Die New-York-Fed meldet Inflationserwartungen von 3,9 Prozent für zwölf Monate, der höchste Wert seit Mai 2023. Dazu kommen 39 Milliarden Dollar an zehnjährigen Anleihen heute und die 30-Jahres-Auktion morgen; der US-Inflationsbericht folgt am 14. Oktober, dem Tag der ASML-Zahlen.
Brent bleibt über 100 Dollar. Die Angriffe auf Tanker in der Straße von Hormus erreichten vergangene Woche ihr höchstes Niveau seit Kriegsbeginn. IEA und EU beraten über eine Freigabe von Öl- und Dieselreserven. Gold rutscht Richtung 4.100 Dollar.
Nvidia notiert nahe dem Rekordhoch, Infineon kämpft um die 60-Euro-Linie – der KI-Sektor wird an der Börse gerade neu sortiert. Wer dabei abseits der bekannten Namen sucht, findet im Spezialreport „Heimliche KI-Profiteure“ vier Aktien, darunter einen Nischen-Monopolisten und einen Spezialisten für Rechenkapazität und Speicherplatz. Vier weniger beachtete KI-Titel entdecken
Marken für die nächsten Sitzungen: DAX 25.000 Punkte als Linie zwischen Erholung und neuem Abwärtsschub, Deutsche Bank 29,63 Euro, Infineon 60 Euro, SGL Carbon 5,37 Euro, Redcare 75 Euro als Bestätigung.
Nvidia 248,48 Dollar für die 6-Billionen-Marke. Bitcoin 83.000 und 78.000 Dollar, Ethereum 2.546 und 2.501 Dollar, XRP 1,40 Dollar. Evernorth-Debüt am 12. Oktober, adidas-Quartal am 29. Oktober.
Gute Trades,
Ihr Andreas Sommer
Stand heute, 7. Oktober: Deutsche Bank – Kaufen, halten oder verkaufen?
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