Liebe Leserinnen und Leser,

723 Basispunkte. So stark waren die großen US-Fonds im ersten Quartal 2026 in den „Magnificent 7″ bereits untergewichtet – nach 710 Basispunkten im Quartal davor. Das ist keine Randnotiz, das ist ein Trend, den Goldman Sachs mit Nachdruck kommentiert. Und er trifft auf einen Tag, an dem ein enttäuschender US-Jobbericht die Wall Street in Richtung Value drehen ließ, während der DAX in Frankfurt zeitgleich ein neues Allzeithoch markierte – getragen ausgerechnet von den Werten, die mit künstlicher Intelligenz am wenigsten zu tun haben. Zwei Kontinente, dieselbe Bewegung: Das Geld verlässt die bekannten Tech-Namen und sucht sich neue Adressen.

Goldman warnt: Die Mag 7 werden verkauft – aber das Geld bleibt in Aktien

Brian Garrett von Goldman Sachs richtet sich mit einer klaren Warnung an Investoren: Die Positionierung in den Mag 7 sinkt weiter, und die Zahlen untermauern das. Das April-Rebalancing der großen Portfolios löste allein 25 Milliarden Dollar an Verkaufsaufträgen aus – das 92. Perzentil aller Rebalancing-Wellen seit dem Jahr 2000. Für Anleger ist die entscheidende Nuance: Das ist kein Ausstieg aus Aktien, sondern eine Umschichtung. Sechs der zwanzig größten Fonds-Zukäufe im ersten Quartal stammten aus Goldmans „AI Data Centers“-Basket – Arista Networks, Corning, SanDisk und Coherent profitieren davon, dass Kapital aus Software- und Consumer-Tech-Titeln in die physische KI-Infrastruktur wandert. Goldman selbst bleibt für den Gesamtmarkt konstruktiv: Kursziel S&P 500 bei 8.000 Punkten, KI-Investitionen 2026 bei 754 Milliarden Dollar – ein Plus von 83 Prozent gegenüber 2025. Die Botschaft an Leser ist damit präzise: Nicht raus aus KI, sondern raus aus den bekannten Namen, rein in die zweite Reihe der Infrastruktur-Profiteure.

Der Jobbericht dreht den Wind – Value schlägt Tech

Ausgelöst wurde die jüngste Bewegung vom US-Arbeitsmarktbericht für Juni: Mit nur 57.000 neuen Stellen blieb die Beschäftigung weit hinter den erwarteten 110.000 bis 115.000 zurück, und die Mai-Zahl wurde kräftig von 172.000 auf 129.000 nach unten revidiert. Dass die Arbeitslosenquote dennoch auf 4,2 Prozent sank, ist kein gutes Zeichen – rund 720.000 Menschen zogen sich schlicht aus dem Erwerbsleben zurück. Die Indizes selbst reagierten unauffällig, Dow, S&P 500 und Nasdaq legten alle zu. Doch das eigentliche Signal steckte in der Sektor-Rotation: Gleichgewichtete ETFs schlugen ihre technologielastigen Pendants deutlich, der iShares Semiconductor ETF (SOXX) fiel um 3,17 Prozent, AMD verlor 3,73 Prozent, Micron 3,37 Prozent. Apple dagegen legte um 4,00 Prozent zu, während Nvidia und Microsoft sich mit kleineren Ausschlägen kaum bewegten. Die Logik dahinter ist einfach: Ein schwacher Arbeitsmarkt nimmt der Fed Argumente für weitere Zinsschritte – und das nützt klassischen Value- und Dividendentiteln mehr als den auf Wachstumsfantasie gehandelten KI-Highflyern.

SAP: JPMorgan kassiert die Margenfantasie

Die Skepsis gegenüber der KI-Story bekommt auch in Europa ein Gesicht. JPMorgan stuft SAP von seiner bisherigen Position auf „Neutral“ zurück, Kursziel 175 Euro. Analyst Toby Ogg verweist auf Medienberichte über geplante Kürzungen bei Personal- und Reisekosten sowie den verstärkten KI-Fokus bei Neueinstellungen – für ihn ein Zeichen, dass SAP deutlich mehr investieren und zukaufen muss, als der Markt derzeit einpreist. Sein zentraler Einwand: Die Margenerwartungen des Analystenkonsens basieren noch auf Prämissen aus der Zeit vor der KI-Transformation und sind damit zu optimistisch. Wer SAP als „sicheren“ europäischen Tech-Wert im Depot hält, sollte das ernst nehmen – dieselbe Neubewertung, die gerade die Mag 7 erfasst, schwappt auf die europäischen Software-Champions über.

DAX auf Rekordkurs – aber die falschen Verdächtigen tragen ihn

Der DAX schloss bei 25.580,88 Punkten und damit auf einem neuen Allzeithoch – die alte Bestmarke von 25.507,79 Punkten stammte noch vom 13. Januar. Bemerkenswert ist, wer diesen Rekord trägt: nicht Chip- und KI-nahe Werte, sondern Zykliker. Continental legte nach soliden Quartalszahlen um 4,4 Prozent zu, Vonovia profitierte von der geplanten Koalitions-Gesetzgebung gegen die Verstaatlichung von Mietwohnungen. Infineon geriet zeitweise in den Sog der schwächelnden globalen Halbleiterwerte, bevor die zyklischen Titel die Oberhand gewannen. Für europäische Anleger ist das mehr als eine Randnotiz: Die vergleichsweise geringe Gewichtung reiner Technologiewerte im DAX erweist sich in dieser Phase ausnahmsweise als struktureller Vorteil – ein Punkt, den es im Blick zu behalten gilt, sollte sich die US-Rotation fortsetzen.

Was jetzt zu beobachten ist

Ob diese Rotation ein kurzes Zwischenspiel bleibt oder sich verstetigt, entscheidet sich an zwei Terminen. Die US-Börsen sind am 3. Juli wegen des Unabhängigkeitstags geschlossen, was die Bewegung zunächst pausieren lässt. Der eigentliche Prüfstein folgt am 14. Juli mit dem US-Inflationsbericht: Fällt er moderat aus, dürfte das die Zinssorgen weiter dämpfen und Value-Titeln zusätzlichen Rückenwind geben. Fed-Chef Kevin Warsh hat sein 2-Prozent-Inflationsziel zuletzt bekräftigt, doch der Markt preist die Wahrscheinlichkeit weiterer Zinsschritte bereits deutlich zurückhaltender ein als vor dem Jobbericht.

Neben Zinssorgen und Inflationsdaten gibt es allerdings einen weiteren Faktor, der die Rotation weg von den Mag 7 hin zu Zyklikern und Value-Titeln zusätzlich befeuern könnte: die Lage in der Straße von Hormus. Sollte sich die diplomatische Sackgasse zwischen Washington und Teheran weiter verhärten, drohen Öllieferungen und Tankerrouten empfindlich gestört zu werden – mit direkten Folgen für Energiepreise und damit auch für die Sektor-Gewichtung in den Depots. Felix Baarz und Jörg Mahnert gehen genau dieser Frage im Live-Webinar „Vom Blackout zum Profit – So trotzen Sie dem globalen Energieschock“ am 04.07.2026 um 11:00 Uhr nach. Sie zeigen, welche drei Aktien von einer möglichen Energie-Blockade profitieren könnten und wie sich Anleger gegen steigende Energiepreise positionieren lassen, gerade jetzt, wo Hitzewellen den Kühlbedarf und damit den Energiehunger zusätzlich in die Höhe treiben. Wer die aktuelle Rotation aus einer weiteren Perspektive einordnen will, findet hier eine konkrete Ergänzung zu den bereits genannten Value- und Infrastruktur-Themen. Jetzt zum kostenlosen Webinar anmelden

Für Leser mit hoher Mag-7-Gewichtung im Depot ist das kein Grund zur Panik, aber ein guter Anlass, die Bausteine zu prüfen: Goldmans eigene Fondsdaten zeigen, wohin das Kapital tatsächlich fließt – in Infrastruktur-Zulieferer, Zykliker und Value-Titel, nicht aus Aktien heraus. Wer die kommenden Wochen richtig nutzen will, sollte weniger fragen, ob KI eine Blase ist, sondern welche der KI-Profiteure die Rotation überstehen – und welche zur zweiten Reihe aufschließen.

Herzlichst, Ihr Andreas Sommer