Liebe Traderinnen und Trader,
Kevin Warsh hat ein Problem, und die Terminmärkte haben es längst eingepreist. Die US-Notenbank tagt am 15. und 16. September, und die August-Inflationsdaten haben den Handlungsdruck auf den Fed-Chef spürbar erhöht. Die Kernrate kletterte im Monatsvergleich um 0,3 Prozent, der Konsens hatte nur 0,2 Prozent erwartet. Die Jahresrate liegt bei 2,4 Prozent, die Gesamtinflation bei 3,4 Prozent. Die Folge: Die an den Terminmärkten gehandelte Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte sprang von rund 70 auf etwa 90 Prozent – bei einer aktuellen Fed-Funds-Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent. Die Zwei-Jahres-Rendite zog auf ein Zweijahreshoch an, die Zehnjahresrendite notiert bei rund 4,95 Prozent.
Für Trader heißt das: Die Erhöhung selbst ist kein Nachrichtenwert mehr. Das eigentliche Risiko steckt im Tonfall der Pressekonferenz und in der Frage, ob Warsh eine Serie weiterer Schritte andeutet. Der DAX zeigt sich davon bislang unbeeindruckt und notiert mit rund 25.560 Punkten spürbar über dem Vortagesschluss – auf Wochensicht bleibt trotzdem ein Rückgang stehen. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Symptom: Der Markt hat die Zinsentscheidung verarbeitet, aber noch nicht den Ausblick, der sie begleitet.
Siemens Energy: 71 Prozent Kurspotenzial treffen auf steigende Renditen
Kaum ein DAX-Wert liefert derzeit ein spannenderes Chartbild als Siemens Energy. JPMorgan sieht ein Kurspotenzial von 71 Prozent, während die Aktie aktuell bei rund 144 Euro notiert – deutlich unter dem 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro aus dem April, aber mit einem Zwölf-Monats-Plus von 53 Prozent nach wie vor einer der stärksten Werte des Index. Die Frage, die Trader diese Woche beschäftigt: Reicht der aktuelle Anstieg, um die charttechnische Wegmarke zu knacken, die über die nächste Rally-Etappe entscheidet?
Der Zeitpunkt ist heikel. Steigende Renditen belasten normalerweise Wachstumswerte, deren Bewertung stark von künftigen Cashflows abhängt. Ob Siemens Energy davon ausgebremst wird oder ob das strukturelle Investitionsthema Energieinfrastruktur schwerer wiegt als die Zinsdebatte, entscheidet sich vermutlich genau in dieser Woche.
Rüstungsaktien: Die Order ist das Signal, nicht der Tagesausschlag
Während die Fed die Schlagzeilen dominiert, läuft im Hintergrund ein zweites, unabhängiges Momentum-Thema weiter: Verteidigung. Draganfly hat einen Fünfjahresvertrag der kanadischen Regierung über 100 taktische Aufklärungsdrohnen gesichert, mit einer Option auf bis zu 4.900 weitere Systeme – bei voller Ausübung ein Gesamtvolumen von rund 24,25 Millionen kanadischen Dollar. Die Aktie schloss zuletzt bei 7,77 kanadischen Dollar, nahezu unverändert zum Vortag. Der eigentliche Kurstreiber liegt also noch vor uns: der Moment, in dem die Optionen gezogen werden.
Parallel erhielt V2X einen 19-Millionen-Dollar-Auftrag des US Marine Corps für Tempest-Drohnenabwehrfahrzeuge. Nach einem Kursrückgang von rund 20 Prozent auf Sicht von 90 Tagen sehen Analysten dort inzwischen deutlichen Bewertungsspielraum. Den politischen Rückenwind liefert Brüssel gleich mit: Der EU-Verteidigungskommissar fordert eine jährliche Produktion von 10 Millionen FPV-Drohnen und 130.000 Düsen-Drohnen, während die EU bereits 6,1 Milliarden Euro für Luftverteidigung und Munition in der Ukraine freigegeben hat. Wer auf diesen Trend setzt, sollte solche Auftragsmeldungen als das eigentliche Kurssignal lesen – die Tagesbewegung der Einzelwerte ist Nebengeräusch.
Ein vergleichbares strukturelles Investitionsthema, das sich komplett unabhängig vom Fed-Kalender entwickelt, läuft derzeit im globalen Chip-Sektor. Die US-Regierung hält inzwischen Anteile an rund 30 Unternehmen, darunter fast 10 Prozent an einem der größten Chip-Konzerne der Welt, TSMC hat sein US-Investment auf 265 Milliarden Dollar aufgestockt, und Investoren wie Warren Buffett, Peter Thiel und George Soros haben sich längst positioniert. Am 24. September reist Xi Jinping ins Weiße Haus – die Verhandlungen über die Zukunft der Chip-Produktion laufen bereits jetzt. Im Live-Webinar „Die neue NVIDIA“ ordnet Bernd Wünsche morgen um 18:00 Uhr ein, welche Unternehmen von diesem Geflecht aus Staatsbeteiligungen, Milliardeninvestitionen und geopolitischem Poker am stärksten profitieren könnten. Sie erfahren konkret, welche Aktien aus dem Chip-Umfeld das Potenzial haben, die nächste Wachstumsphase der Branche zu tragen. Wer wie bei Draganfly oder V2X auf Meldungen vor der breiten Kursreaktion setzen will, findet hier ein zweites, thematisch unabhängiges Setup. Jetzt zum Webinar „Die neue NVIDIA“ anmelden
Commerzbank: Der Bund, nicht Unicredit, ist der Unsicherheitsfaktor
Ganz anders gelagert ist die Lage bei der Commerzbank, wo sich die Konturen der Unicredit-Übernahme verdichten. Unicredit hat mittlerweile Zugriff auf fast 50 Prozent der Anteile, der Bund hält weiterhin 12 Prozent und knüpft seine Zustimmung an klare Bedingungen: Erhalt der Mittelstandsfinanzierung, Sitz und Vorstand in Frankfurt, Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen sowie zwei Aufsichtsratssitze. Eine Fusion würde eine Bilanzsumme von mehr als 1,3 Billionen Euro ergeben.
Die Commerzbank-Aktie notiert aktuell bei rund 42,60 Euro, nur knapp unter ihrem am Montag markierten 52-Wochen-Hoch von 43,12 Euro. Unicredit steht bei rund 85 Euro, ebenfalls nahe des eigenen Jahreshochs. Der Markt preist den Deal also weiterhin als wahrscheinlich ein. Das eigentliche Risiko für die Bewertung liegt damit nicht in der Übernahme selbst, sondern in den politischen Bedingungen aus Berlin.
Krypto folgt jetzt dem Fed-Kalender, nicht mehr dem Wochenende
Wie stark die Fed-Erwartung mittlerweile auf Risikoassets durchschlägt, zeigt der Kryptomarkt. Bitcoin bewegte sich nach der Inflationsveröffentlichung in einer Spanne zwischen rund 76.500 und 78.800 Dollar und notiert aktuell bei etwa 77.700 Dollar, ein Tagesminus von 0,7 Prozent – auf Sicht von 30 Tagen aber immer noch 22 Prozent im Plus. Ein Bitcoin-Optionsverfall über 2,24 Milliarden Dollar sorgte am Vormittag kurzzeitig für einen Bounce, der sich binnen zwei Stunden wieder auflöste. Ethereum zeigte sich mit einem Tagesplus von 3,8 Prozent robuster.
Fragiler bleibt das Feld abseits der Schwergewichte: Zcash brach unter die 1.100-Dollar-Marke ein, die Marktkapitalisierung sank binnen 48 Stunden um 10 Prozent auf rund 18,5 Milliarden Dollar, während die Bitcoin-Dominanz von 60,4 auf 59,2 Prozent zurückging. Für Trader bestätigt das einen Trend, der sich seit Wochen verfestigt: Krypto koppelt sich stärker an US-Handelszeiten und Fed-Nachrichten. Wochenend- und Übernachtvolatilität verlieren an Bedeutung, US-Datenpunkte gewinnen.
Marschroute
Die kommenden Handelstage laufen auf einen einzigen Termin zu: die Fed-Entscheidung am 16. September. Bei einer zu 90 Prozent eingepreisten Zinserhöhung liegt das Überraschungspotenzial im Ausblick, nicht im Beschluss. Wer gehebelte Positionen in zinssensitiven Werten wie Siemens Energy oder in Bitcoin hält, sollte die Volatilität rund um diesen Termin einkalkulieren – die 4,95-Prozent-Marke bei der Zehnjahresrendite ist dabei der Referenzpunkt, an dem sich Wachstumswerte messen lassen müssen. Der Commerzbank-Fall und die Rüstungsaufträge bleiben davon größtenteils unberührt: Hier entscheiden politische Bedingungen und Optionsausübungen, nicht die Notenbank.
Das Wochenende bringt eine Verschnaufpause, mehr nicht – am Montag zählt wieder jeder Basispunkt.
Gute Trades, Ihr Andreas Sommer
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