Ein 40-Prozent-Einbruch an einem einzigen Handelstag. Und am nächsten Morgen folgte die Klage.
Die französische Biotechfirma Abivax steht nach dem Kursdebakel vom 2. Juni 2026 unter juristischem Druck. Die Kanzlei SueWallSt hat eine formelle Untersuchung gegen Unternehmensleitung und Aufsichtsrat eingeleitet. Der Vorwurf: Abivax habe Anleger nicht ausreichend über Sicherheitsrisiken in der Phase-3-Studie ABTECT informiert.
Wie aus einer Kursrally ein Absturz wurde
Die Ausgangslage war eigentlich positiv. Am Abend des 1. Juni stiegen die Aktien nachbörslich um rund 20 Prozent, nachdem Abivax die Wirksamkeitsdaten der ABTECT-Studie für den Wirkstoff Obefazimod veröffentlicht hatte. Die Ergebnisse waren beeindruckend: In Woche 44 erreichten 50,8 Prozent der Patienten mit 25 mg und 51,3 Prozent mit 50 mg eine klinische Remission. In der Placebogruppe waren es nur 10,4 Prozent. Alle wichtigen sekundären Endpunkte wurden ebenfalls erfüllt.
Dann kam der nächste Morgen. Als die Meldungen über seltene Krebsfälle im Behandlungsarm breiter aufgegriffen wurden, drehte die Stimmung schlagartig. Die Aktie fiel von rund 129,69 Dollar auf zeitweise 71 Dollar. Das Handelsvolumen lag am 2. Juni beim Achtfachen des Tagesdurchschnitts. Die Leerverkaufsquote kletterte innerhalb von 24 Stunden auf rund 12 Prozent des Streubesitzes.
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Was die Krebsdaten zeigen — und was nicht
Abivax selbst bewertet die Malignome als nicht behandlungsbedingt. Im Studienkollektiv traten je ein Fall von Prostatakrebs, Brustkrebs und kolischer Dysplasie auf. Die Prüfärzte stuften alle drei als nicht mit dem Medikament zusammenhängend ein. Hinzu kamen vier Hautkrebs-Fälle in der höheren 50-mg-Dosisgruppe. Zwei davon galten als nicht oder unwahrscheinlich mit dem Wirkstoff verbunden. Die anderen zwei Patienten hatten eine Vorgeschichte mit Hautkrebs.
Kein organspezifisches Muster, keine eindeutige Kausalität. Trotzdem reagierten Anleger, die auf ein makelloses Sicherheitsprofil gesetzt hatten, mit Panikverkäufen.
Analysten uneins über das Ausmaß des Risikos
Wall Street ist gespalten. Jefferies stufte die Aktie von „Buy“ auf „Hold“ herab und senkte das Kursziel von 160 auf 90 Dollar. Die Bank sieht das Krebssignal als wesentliche Belastung für die weitere Kursentwicklung.
Leerink Partners hingegen bezeichnete die Daten als „Best-Case-Szenario“ — mit den besten je in einer placebokontrollierten Zulassungsstudie bei Colitis ulcerosa gemessenen Remissionsraten. Jason Butler von Citizens JMP Securities erklärte, die Ergebnisse hätten seine Erwartungen übertroffen.
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Stifel-Analyst Damien Choplain formulierte es differenzierter: Das Krebssignal sei nicht ignorierbar, stelle aber eher ein potenzielles Labelling-Risiko dar als einen klaren kausalen Sicherheitshinweis.
Übernahme-Fantasie auf Eis gelegt
Der Crash verändert auch die M&A-Rechnung. Vor dem Datenereignis galt eine Übernahme von Abivax vor dem Launch von Obefazimod als wahrscheinlich. Das Unternehmen hatte nach dem Juni-Readout eine Kapitalerhöhung geplant.
Choplain erwartet nun, dass Abivax den vollständigen Datensatz abwartet, der für Oktober angekündigt ist. Erst dann lasse sich mit mehr Sicherheit sagen, ob die Malignome tatsächlich nicht mit der Behandlung zusammenhängen. Potenzielle Käufer — AstraZeneca wird als möglicher Interessent genannt — dürften denselben Zeitplan abwarten.
Der NDA-Antrag bei der FDA für Obefazimod in der Indikation Colitis ulcerosa ist weiterhin für Ende des vierten Quartals 2026 geplant. Abivax verfügte zum 31. März 2026 über liquide Mittel von rund 491,6 Millionen Euro — genug, um nach eigenen Angaben bis ins vierte Quartal 2027 zu operieren. Der Oktober-Datensatz wird zeigen, ob das Krebssignal eine echte Hürde für die Zulassung ist oder lediglich einen Warnhinweis im Beipackzettel bedeutet.
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