Liebe Leserinnen und Leser,
30 Prozent Put-Käufe, 20 Prozent Call-Käufe. Diese Zahlen aus dem Bitcoin-Optionsmarkt beschreiben den Freitag besser als jede Schlagzeile: Absicherung schlägt Euphorie, und wer auf den großen Ausbruch wettet, findet ihn derzeit weder bei Bitcoin noch bei den Softwarewerten. Dafür zeigt der Markt an unerwarteter Stelle relative Stärke — bei Ethereum, bei Solana, und bei den Halbleiter-Infrastrukturwerten, die von KI-Investitionen unmittelbar profitieren. Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Risk-on und Risk-off, sondern zwischen dem, was KI-Umsatz erst versprechen muss, und dem, was bereits liefert.
Bitcoin wartet, Ethereum und Solana ziehen vor
Bitcoin pendelte am 12. Juni zwischen 62.855 und 64.305 Dollar, Schlusskurs bei rund 63.585 Dollar. Technisch bleibt die Zone 63.800 bis 64.000 Dollar der erste Prüfstein. FXEmpire sieht ein konstruktives Wochenendszenario nur oberhalb von 64.000 Dollar intakt; ein Schluss unter 62.000 Dollar würde das Risiko eines Rückgangs bis 51.000 Dollar deutlich erhöhen. Die 200-Wochen-Linie bei 62.000 Dollar ist die Verteidigungslinie nach unten.
Oberhalb von 65.000 Dollar wird es erst richtig interessant: Dort liegt laut DailyCoin ein großer negativer Gamma-Cluster. Sollte Bitcoin diese Marke zurückerobern, könnten Dealer-Hedges den Anstieg beschleunigen. Doch davon ist der Markt entfernt. Bitcoin liefert ein Setup, kein Signal.
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Spannender ist die Rotation innerhalb des Kryptomarkts. Ethereum notierte am Freitag bei rund 1.660 Dollar, Solana bei 66,76 Dollar — beide mit mehr Dynamik als Bitcoin. Nach einem schwachen zweiten Quartal für ETH relativ zu BTC verweisen mehrere Analysen auf ein historisches Muster: Im dritten Quartal lief Ethereum oft stärker. Strukturell stützt ein Argument: Das ETH-Angebot an Börsen ist auf 14,5 Millionen Coins gefallen, weil Bestände in ETFs, Staking und Langzeit-Wallets abfließen. Das dämpft Verkaufsdruck, ersetzt aber kein Kaufsignal.
Die Marken bei Ethereum: Unterstützung bei 1.500 Dollar, Widerstand bei 1.800 bis 1.900 Dollar. Der 100-Tage-Durchschnitt liegt bei 2.100 Dollar, der 200-Tage-Durchschnitt bei 2.400 Dollar. Solange die 1.500er-Zone hält, bleibt ETH für Trader relativ attraktiver als BTC — der eigentliche Trendwechsel beginnt aber erst oberhalb der Widerstandszone.
Adobe: Gute Zahlen, falscher Zeitpunkt
Adobe verlor am Freitag zwischen 7 und 10 Prozent — trotz Quartalszahlen, die operativ kaum Wünsche offenließen. Der Q2-Umsatz lag bei 6,62 Milliarden Dollar, der bereinigte Gewinn je Aktie bei 5,96 Dollar. Das Unternehmen hob den Jahresausblick auf 26,5 bis 26,6 Milliarden Dollar Umsatz und ein EPS von 24,35 bis 24,45 Dollar an. Das KI-fokussierte ARR verdreifachte sich auf über 500 Millionen Dollar.
Warum der Abverkauf? Zwei Gründe. Erstens: CFO Dan Durn verlässt Adobe zum 15. Juni Richtung Marvell Technology, nachdem bereits CEO Shantanu Narayen seinen Rücktritt angekündigt hatte. Zweitens: Die strategische Verschiebung zu Freemium-Angeboten könnte kurzfristig das ARR-Wachstum belasten. Die Analystenreaktionen fielen entsprechend aus: Evercore senkte auf „In Line“ mit Kursziel 225 Dollar, Stifel auf „Hold“ bei 200 Dollar, KeyBanc auf „Underweight“ bei 195 Dollar, Mizuho reduzierte auf 245 Dollar.
Die Lektion ist breiter als Adobe: Der Markt unterscheidet gerade rigoros zwischen Software, die KI-Umsatz erst monetarisieren muss, und Infrastruktur, die sofort von KI-Investitionen profitiert. Adobe steht auf der falschen Seite dieser Wahrnehmung.
Halbleiter: AMD bekommt das Citi-Upgrade, NVIDIA öffnet China-Tür
Auf der richtigen Seite stehen NVIDIA und AMD. NVIDIA signalisierte laut Reuters chinesischen Kunden, dass Bestellungen für die neue Vera-CPU möglich seien — mit ersten Lieferungen ab August. Der Fokus verschiebt sich damit von GPU-Exportbeschränkungen hin zu CPU-basierten Lösungen.
AMD legte am Freitag 4,2 Prozent zu, nachdem Citi die Aktie von „Neutral“ auf „Buy“ hochstufte und das Kursziel von 460 auf 575 Dollar anhob. Die Begründung: AMD habe sich als glaubwürdige zweite Quelle im GPU-Markt etabliert und könne bei Meta-Beschaffung über MI450-Chips profitieren. Für Trader bleibt der Halbleiter-Komplex der Bereich, in dem Momentum und fundamentale Nachfrage zusammenlaufen.
DAX plus 1,76 Prozent — Entspannung am Golf, aber kein Friedensschluss
Am deutschen Markt trieb die geopolitische Entspannung den DAX am Freitag um 1,76 Prozent auf 24.635 Punkte. Der Auslöser: Trump sagte geplante Angriffe auf Iran ab und sprach von einer Einigung. Irans Außenminister Araghtschi schrieb, eine Absichtserklärung sei „noch nie so kurz vor dem Abschluss“ gewesen. Brent fiel zeitweise in den Bereich von 86 bis 89 Dollar je Barrel.
Gestern hatte die DZ Bank ihr DAX-Jahresendziel auf 27.500 Punkte angehoben — unter der Prämisse einer Deeskalation am Persischen Golf. Genau diese Prämisse steht aber auf wackligem Fundament: Es gab widersprüchliche Angaben zu Vertragsentwürfen, Trump warf Iran später Falschinformationen vor. Der DAX-Anstieg preist Entspannung ein, nicht Frieden. Wer jetzt einsteigt, sollte Rückschläge einkalkulieren, falls die Verhandlungen stocken.
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Gleichzeitig hat das SpaceX-Listing Kapital gebunden: 75 Milliarden Dollar Emissionsvolumen, Bewertung bei rund 1,8 Billionen Dollar, Retail-Orders von über 70 Milliarden Dollar. Der Tema Space Innovators ETF fiel um 4,7 Prozent, der Procure Space ETF um 4,2 Prozent — während Rocket Lab, begünstigt durch die angekündigte Nasdaq-100-Aufnahme ab 22. Juni, zulegen konnte. Das Listing erzeugt keine Branchenrally, sondern Selektion.
Quintessenz
Der Markt sortiert sich zum Wochenende entlang einer klaren Linie: Wer KI-Infrastruktur liefert, wird belohnt. Wer KI-Umsatz erst beweisen muss, wird bestraft — selbst bei starken Zahlen. Im Kryptomarkt verschiebt sich relative Stärke von Bitcoin zu Ethereum und Solana, ohne dass ein klares Ausbruchssignal vorliegt. Und die geopolitische Entspannung am Golf bleibt genau das: Entspannung, kein Abschluss.
Für die kommende Woche gelten konkrete Marken: Bitcoin muss 64.000 bis 65.000 Dollar überwinden, Ethereum die 1.500-Dollar-Unterstützung verteidigen. Am Montag stehen deutsche Großhandelspreise, die Eurozonen-Industrieproduktion und in den USA der Empire State Index an. Entscheidend wird nicht die einzelne Zahl sein, sondern ob der Markt nach dem SpaceX-Liquiditätssog Anschlusskäufer findet.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer
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