Airbus steckt im Spagat zwischen kurzfristigem Ausliefer-Stress und langfristiger Substanz. Für mich überwiegt am Ende die zweite Seite der Medaille – auch wenn der Weg zum Jahresziel enger wird, als es der Konzern selbst gerne hätte.
Die Lücke im Zeitplan
Airbus meldete am Freitag, 418 Flugzeuge im laufenden Jahr ausgeliefert zu haben, nach 67 Maschinen allein im Juli. Um die Jahresvorgabe von rund 870 Auslieferungen zu erreichen, muss der Konzern in den verbleibenden Monaten bis Dezember im Schnitt rund 90 Jets pro Monat auf die Rollbahn bringen. Das ist ambitioniert, aber nicht unmöglich – zumal die offizielle Bandbreite mit 850 bis 890 Einheiten ohnehin Puffer nach unten lässt.
Genau hier setzten die Analysten von Jefferies am Freitag an: Sie bestätigten ihr Hold-Rating mit einem Kursziel von 200 Euro und merkten an, dass die Juli-Auslieferungen ihre interne Schätzung um drei Maschinen verfehlt hätten.
Gleichzeitig räumten sie ein, dass im zweiten Halbjahr nur ein Wachstum von 8 Prozent nötig sei, um die Jahresprognose zu erreichen. Das ist bemerkenswert nüchtern für eine Bank, die dem Titel skeptisch gegenübersteht – und es zeigt mir, dass selbst die Zurückhaltenden das Ziel für erreichbar halten.
Auftragsbücher als Gegengewicht
Wer nur auf die Lieferzahlen schaut, übersieht die eigentliche Stärke von Airbus in diesem Jahr: die Nachfrage. Im Juli gingen 204 Bruttobestellungen ein, womit die Nettoauftragslage nach 66 Stornierungen auf 1.024 Flugzeuge für das laufende Jahr klettert.
Ein Auftragsbuch dieser Größenordnung sichert Produktionskapazitäten über Jahre ab und relativiert für mich die monatlichen Schwankungen bei den Auslieferungen erheblich.
Parallel dazu untermauerte Erste Group Bank am Mittwoch ihre positive Einschätzung, indem sie die Gewinnschätzung je Aktie für 2026 auf 2,10 US-Dollar von zuvor 2,08 US-Dollar anhob – begründet mit höheren Lieferungserwartungen.
Auch institutionelle Investoren scheinen der Story zu vertrauen: BlackRock legte am Donnerstag eine Beteiligung von 5,96 Prozent an Airbus offen, entsprechend 47.152.884 Aktien. Eine derart große Position eines der weltweit größten Vermögensverwalter ist für mich kein Kurzfrist-Wetteinsatz, sondern ein Signal struktureller Überzeugung.
Cashflow-Belastung und Mittelfristziele
Die Kehrseite zeigte sich bei den Halbjahreszahlen am 29. Juli: Der Umsatz stieg zwar um 12 Prozent auf 33,2 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT lag bei 2,7 Milliarden Euro, doch der freie Cashflow vor Kundenfinanzierung war mit minus 1,2 Milliarden Euro negativ – Folge eines Lageraufbaus, der wohl direkt mit der angespannten Lieferkette zusammenhängt. Das ist der Punkt, an dem ich vorsichtiger werde: Wachstum, das über Vorräte statt über Cash generiert wird, ist nicht dasselbe wie Wachstum, das sich sofort in der Bilanz zeigt.
Trotzdem hält Airbus-Chef Guillaume Faury an der Jahresprognose fest und der Konzern liefert operative Zukunftsversprechen nach: Am 21. Juli genehmigte der Vorstand ein Aktienrückkaufprogramm über 5 Milliarden Euro, gestreckt auf drei Jahre, und stellte gleichzeitig neue Mittelfristziele vor – ein bereinigtes EBIT von 12 bis 13 Milliarden Euro bis 2029, nahezu eine Verdopplung gegenüber dem Niveau von 2025. Wer daran glaubt, kauft sich mit der aktuellen Bewertung womöglich günstig ein.
Zusätzlich lieferte Airbus am 3. August mit dem Abschluss der Bodenschwingungstests für das A350F-Frachterprogramm einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zum Erstflug.
Bewertung an der Börse
Der Aktienkurs notiert aktuell bei 213,95 Euro und damit rund 21,59 Prozent über dem Niveau vor zwölf Monaten – ein Beleg dafür, dass der Markt der operativen Story bislang gefolgt ist. Zum 52-Wochen-Hoch von 221,25 Euro fehlen nur 3,30 Prozent, die Aktie handelt also praktisch auf Rekordniveau. Das nimmt für mich kurzfristig etwas Luft aus der Aufwärtsbewegung, ändert aber nichts an der fundamentalen Ausrichtung.
Fazit
Unterm Strich sehe ich bei Airbus ein Unternehmen, das kurzfristig unter Lieferdruck steht, aber mit vollem Auftragsbuch, institutionellem Vertrauen und ambitionierten Mittelfristzielen ausgestattet ist.
Die negative Cashflow-Entwicklung im ersten Halbjahr ist ein Warnsignal, das ich im Blick behalten würde – doch solange die Nachfrage nicht abreißt und der Konzern an seiner Guidance festhält, spricht für mich mehr für als gegen die Airbus-Story. Die nächste Standortbestimmung liefert der Konzern mit den Neunmonats- und Q3-Zahlen am 28. Oktober.
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