Ausgangslage: Rekordnachfrage trifft auf Lieferdruck

Airbus hat am Freitag die Auslieferungszahlen für Juli vorgelegt: 67 Verkehrsflugzeuge, exakt so viele wie im Vorjahresmonat. Damit stehen nach sieben Monaten 418 ausgelieferte Maschinen zu Buche, bei einem Jahresziel von rund 870. Parallel meldete der Konzern 204 Bruttobestellungen für den Monat – und am selben Tag bestätigten mehrere Airlines und Leasinggesellschaften weitere Festaufträge: SMBC Aviation Capital orderte 100 Maschinen der A320neo-Familie, Hainan Airlines 40, flynas 25, China Eastern Airlines 25 A330-900 und Riyadh Air sechs A350-1000. In Summe kamen so an einem einzigen Tag rund 200 zusätzliche Bestellungen zusammen.

Diese Gemengelage aus robuster Nachfrage und stagnierendem Produktionstempo trifft auf eine Aktie, die zuletzt kräftig gelaufen ist. Zum Freitagsschluss stand das Papier bei 214,05 Euro, nur 3,25 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Über zwölf Monate hat der Kurs um 20,59 Prozent zugelegt. Ende Juli hatte Airbus zudem robuste Halbjahreszahlen präsentiert: Der Umsatz stieg um 12 Prozent auf 33,2 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT sprang um 70 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro. Die Jahresprognose von rund 870 Auslieferungen, etwa 7,5 Milliarden Euro bereinigtem EBIT und rund 4,5 Milliarden Euro Free Cashflow bekräftigte der Konzern unverändert. Genau hier liegt jedoch die Bruchstelle: Der freie Cashflow vor Kundenfinanzierung war im ersten Halbjahr mit minus 1,2 Milliarden Euro negativ, was Airbus mit dem Aufbau von Lagerbeständen für den Produktionshochlauf begründete.

Die entscheidende Frage: Reicht das Tempo für 870?

Für Anleger reduziert sich die Lage auf eine einzige Rechnung. 452 Maschinen fehlen noch bis zum Jahresziel, verteilt auf die verbleibenden fünf Monate – das verlangt im Schnitt gut 90 Auslieferungen pro Monat. Im Juli kam Airbus auf 67, exakt auf Vorjahresniveau. Die Differenz zwischen Ist-Tempo und Soll-Tempo ist die zentrale Kennzahl, an der sich in den kommenden Wochen entscheidet, ob die Prognose Bestand hat oder nachjustiert werden muss. Jede monatliche Lieferzahl bis zum Jahresende wird an diesem Maßstab gemessen werden.

Bullisches Szenario

Für die Bullen spricht zunächst das Auftragsbuch. Die Bestellwelle vom Freitag zeigt, dass Fluggesellschaften weltweit trotz Lieferverzögerungen weiter auf Airbus setzen – von saudischen Billigfliegern bis zu chinesischen Staatscarriern. Diese Visibilität stützt Umsatz und Ergebnis über Jahre. Der Ergebnissprung im ersten Halbjahr deutet darauf hin, dass die Marge trotz Ramp-up-Kosten strukturell zulegt. Der im Juli beschlossene Aktienrückkauf über 5 Milliarden Euro, verteilt auf drei Jahre, signalisiert Vertrauen des Managements in die eigene Finanzkraft, ergänzt durch das mittelfristige Ziel eines bereinigten EBIT von 12 bis 13 Milliarden Euro bis 2029. Auch bei Investoren kommt das an: BlackRock erhöhte seine Beteiligung Anfang August auf 5,96 Prozent. Am Kapitalmarkt bleibt die Meinung entsprechend positiv gespalten in Richtung Optimismus – Barclays bestätigte Anfang August eine Kaufempfehlung mit Kursziel 260 Euro, RBC Capital sah nach den Halbjahreszahlen ein Kursziel von 250 Euro. Technologisch untermauert der Konzern seinen Anspruch mit dem gerade gestarteten Flugtestprogramm „Wing of Tomorrow“ für ausklappbare Tragflächen und dem neu vorgestellten Hybridelektrik-Projekt LEIA für künftige Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge.

Bärisches Szenario

Die Kehrseite ist die reine Ausführung. Eine über Monate stagnierende Auslieferungsrate – Juli lag exakt auf Vorjahresniveau statt sichtbar darüber – passt nicht zu der nötigen Beschleunigung auf rund 90 Einheiten monatlich. Der negative freie Cashflow vor Kundenfinanzierung zeigt, dass der Ramp-up bereits jetzt Kapital bindet, ohne dass sich das noch in höheren Lieferzahlen niederschlägt. Bleibt die Lücke zwischen Lieferrealität und Jahresziel bestehen, drohen im Herbst Diskussionen über eine Guidance-Anpassung. Am Kapitalmarkt gibt es dafür bereits ein Warnsignal: Jefferies bestätigte am Freitag eine Halten-Einschätzung mit einem Kursziel von 200 Euro – unterhalb des aktuellen Kurses. Auch Berenberg sah Ende Juli mit einem Kursziel von 210 Euro nur begrenztes Potenzial. Bewertungsseitig kommt hinzu, dass die Aktie nahe ihrem 52-Wochen-Hoch notiert und binnen eines Jahres um mehr als ein Fünftel gestiegen ist – ein Umfeld, in dem enttäuschende Lieferdaten überproportional auf den Kurs durchschlagen könnten.

Ausblick

Die kommenden Monatsberichte werden zeigen, ob Airbus die Lücke zum Jahresziel schließt. Beschleunigt sich die Auslieferungsrate spürbar über das Juli-Niveau hinaus, bleibt das positivere Analystenlager mit Kurszielen von 250 bis 260 Euro der plausiblere Referenzrahmen, gestützt durch Rekordbestellungen und den laufenden Aktienrückkauf. Verharrt das Tempo dagegen nahe der Stagnation von Juli, rückt die vorsichtigere Einschätzung mit einem Kursziel von 200 Euro näher an die Realität, zumal die Bewertung nach der starken Zwölfmonatsentwicklung wenig Puffer für Enttäuschungen lässt. Der nächste konkrete Prüfstein sind die Auslieferungszahlen für August, die Airbus turnusgemäß Anfang September vorlegen dürfte – sie werden zeigen, ob der Konzern seinem eigenen Rechenmodell für die letzten Monate des Jahres tatsächlich folgt.