Alibaba zieht die Reißleine bei seiner KI-Strategie. Neue Regeln aus Peking zwingen den Konzern, Teile seines Qwen-Modells abzuschalten. Parallel dazu verbannt das Unternehmen ein beliebtes externes Entwicklertool aus dem eigenen Haus.
Peking reguliert menschenähnliche KI-Chats
China hat neue Vorschriften für anthropomorphe KI-Interaktionsdienste erlassen. Alibaba reagiert und nimmt bestimmte Qwen-Funktionen vom Netz. Menschenähnliche Chat-Agenten und von Nutzern erstellte Custom-Agenten verschwinden am 10. Juli 2026.
Fünf Tage später, am 15. Juli 2026, treten die nationalen Regeln offiziell in Kraft. Bis dahin muss Alibaba auch breitere Agenten-Funktionen deaktivieren. Die Vorschriften zielen gezielt auf KI-Dienste für dauerhafte emotionale Bindung ab. Tools für Arbeit, Bildung und Forschung bleiben davon ausgenommen.
Alibaba steht mit diesem Schritt nicht allein da. Auch ByteDance und Tencent haben ihre KI-Produkte bereits an das schärfere Regelwerk angepasst.
Claude Code wird zum Sicherheitsrisiko erklärt
Intern zieht Alibaba die Zügel noch enger an. Der Konzern stuft Anthropics Claude Code jetzt als „Hochrisiko-Software“ ein. Ab Juli 2026 dürfen Mitarbeiter in allen Tochtergesellschaften das Tool nicht mehr nutzen — auch nicht in der Cloud- und E-Commerce-Sparte.
Stattdessen sollen die Teams auf Qoder wechseln, Alibabas eigene KI-Plattform. Der Schritt kommt nicht aus dem Nichts. Anthropic hatte Alibaba zuvor vorgeworfen, über rund 25.000 gefälschte Accounts Millionen Interaktionen erzeugt zu haben, um eigene Modelle mit Claude-Ausgaben zu trainieren.
Alibaba weist die Vorwürfe zurück. Trotzdem erzwingt der Konzern jetzt einen strikten Umstieg auf verifizierte interne Werkzeuge.
Aktie im technisch überverkauften Bereich
Die regulatorischen Turbulenzen hinterlassen Spuren im Kurs. Alibaba schloss am Freitag bei 85,80 Euro, nach einem Minus von 35,49 Prozent seit Jahresbeginn. Zum 50-Tage-Durchschnitt von 104,91 Euro fehlen aktuell 18,21 Prozent.
Der 14-Tage-RSI liegt bei 29,9 — ein Wert, der die Aktie technisch als überverkauft ausweist. Auf Sicht von sieben Tagen legte der Titel dennoch um 2,63 Prozent zu, ein erster Hinweis auf mögliche Stabilisierung nach dem steilen Rückgang der vergangenen Wochen.
Neben der KI-Regulierung belastet auch eine geplante Änderung des chinesischen E-Commerce-Gesetzes die Stimmung. Bei schweren Verstößen drohen künftig „proportionale Strafen“ von bis zu fünf Prozent des Jahresumsatzes. Immerhin gibt es einen Lichtblick aus den USA: Ein Bundesrichter hat Alibaba vorübergehend von bestimmten Lobbying-Beschränkungen befreit, die mit der Pentagon-Blacklist zusammenhängen. Der Konzern darf seine Vertretung in Washington vorerst behalten, während Gerichte die Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes prüfen.
Enterprise statt Companion-Apps
Die erzwungene Abschaltung von Consumer-KI-Begleitern markiert einen Kurswechsel in Chinas KI-Branche. Der Fokus verschiebt sich hin zu aufgabenorientierten, unternehmensfokussierten Anwendungen. Für Alibaba bedeutet das: schneller eigene Infrastruktur wie Qoder ausrollen, um im Wettbewerb nicht zurückzufallen.
Die hohen Kosten der KI-Entwicklung und strenge Datenschutzauflagen machen diesen Balanceakt nicht einfacher. Wie sich die neuen Regeln und der Umstieg auf eigene Tools auf die operative Effizienz auswirken, dürfte sich in den kommenden Quartalsberichten zeigen.
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